… oder: Mökkis & ihre Macken

Neulich schrieb meine geschätzte Bloggerkollegin Stefanie einen wundervollen Beitrag über ihr perfektes unperfektes Ferienhaus in Dänemark: Lage statt Luxus und Spuren des Lebens statt Sterilität. Als ich den Beitrag las, verspürte ich auf einmal ein Bedürfnis, auch etwas über die (Un)Perfektheit von Ferienhäusern in Finnland zu schreiben. Seltsam, dass ich das Thema bislang eher nur nebenbei gestreift habe. Immerhin habe ich in Finnland beruflich bedingt bestimmt schon an die 100 Ferienhäuser („Mökki“) besichtigt und bin bzw. war auch privat am Unterhalt von einigen Häusern involviert.

Nach anfänglicher Skepsis bin ich mit den Jahren tatsächlich ein riesiger Finnland-Ferienhausurlaub-Fan geworden. Glaubt mir: Es gibt definitiv keine bessere Möglichkeit, Finnland kennenzulernen und zu verstehen als im Mökki. Und dabei meine ich keine typische Ferienhaussiedlung (davon gibt es mittlerweile auch einige), sondern ein einzeln stehendes Häuschen im Wald, direkt am Wasser. Der Wald und die Einsamkeit sind eben doch die Heimat der finnischen Seele (ja, das klingt furchtbar pathetisch und klischeebehaftet, aber es hat schon seinen Grund, warum die Städter auch heute noch in Scharen jedes Wochenende in den Wald zum Mökki pilgern…!). Und überhaupt: Ich zweifele daran, dass man irgendwo sonst in Europa solch eine Auswahl an Ferienhäusern in so unglaublich schöner und ruhiger – ja, perfekter – Lage findet.

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Trotzdem gibt es so einige Punkte, die ich als Deutsche lange nicht verstanden habe bzw. die doch etwas Gewöhnung erfordern. Solche Punkte, mit denen ich auch im Beschwerdemanagement immer mal wieder konfrontiert werde.

Diese Punkte sind im Groben zusammengefasst:

„Das Haus war zugemüllt!“

„Warum gibt es so viele Betten?“

„Bad, Toilette und Küche waren verdreckt!“

„Das Anwesen war ungepflegt!“

„Warum ist das eigentlich alles so teuer?“

Gehen wir mal alles schön der Reihe nach durch 🙂 .

„Der Vermieter war abweisend!“

Der gemeine deutsche Feriengast, vornehmlich etwas älteren Baujahrs (jüngere Leute sind da meist deutlich entspannter), möchte nach Ankunft am Urlaubsdomizil gerne vom Hausherren persönlich willkommen geheißen werden und ein gediegenes Schwätzchen halten. Der gemeine finnische Vermieter (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel), sieht das häufig etwas anders: „Der Feriengast ist nach der langen Reise sicherlich erschöpft! Da will ich ihn nicht stören. Und überhaupt ist er bestimmt hierher gekommen, weil er seine RUHE haben will. Am besten ich lasse den Schlüssel einfach im Schloss stecken, dann ist es egal, wann der Gast ankommt. Ich kann ja vielleicht am nächsten Tag eine SMS schicken und fragen, ob alles in Ordnung ist .“ Zugegeben, in den letzten Jahren haben beide Seiten dazu gelernt bzw. sich angenähert.  Aber immer noch gilt: Nur weil der Vermieter dich nicht persönlich erwartet, die Betten noch nicht bezogen sind und im Kühlschrank kein Willkommenssekt kaltgestellt ist, heißt das nicht, dass du nicht ❤ -lich willkommen bist!

„Das Haus war zugemüllt!“

Finnland ist zu recht bekannt für schönes Design und guten Geschmack. Doch man sollte sich davon nicht blenden lassen. Letzlich ist es doch sehr individuell. Es gibt auch in finnischen Ferienhäusern Plastikfurniermöbel, Küchenschranktetris, Tagesdecken im Leopardenfellmuster, Kunstblumen, schäbige Kronleuchter und fleckige Vorhänge. Und eine Tendenz zum Anhorten lässt sich manchmal selbst in den schönsten Häusern feststellen. Jeder (manchmal auch der Vermieter selbst, wenn er das Haus privat nutzt) lässt irgendwas zurück und auf einmal ist die Bude voll von Uraltgewürzen, auf dem Kaminsims türmen sich Kerzen in allen Ausführungen, diverse Mückenschutzmittel und Einwegsitzunterlagen für die Sauna während in der Dusche eine Auswahl an mindestens fünf halbleeren Shampooverpackungen auf dich wartet. Tatsächlich ist es ja so, dass einige dieser Gegenstände für den Gast durchaus nützlich sein können. Nur: halbangebrochen und in mehrfacher Ausführung wirkt das meist nicht besonders einladend…

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„Warum gibt es so viele Betten?“

So sehr die Finnen ihre Privatsphäre schätzen, im Mökki dreht sich das komischerweise ad absurdum. Je mehr Betten, besto besser. Dabei wird der Begriff des Bettes großzügig interpretiert. Eigentlich müsste die Frage oft heißen: „Warum gibt es so viele Matratzen und wie zur Hölle sollen hier 10 Leute gleichzeitig übernachten?“. In den meisten finnischen Ferienhäusern gibt es eine Art halboffenen Dachboden, der über eine leiterartige Treppe zu erreichen ist. Dieser Platz wird für gewöhnlich als Matratzenlager genutzt. Je mehr Matratzen, desto besser. Auf Überflüssigkeiten wie Bettgestelle, Nachttische o.Ä. wird gerne zugunsten einer möglichst großen Anzahl an Schlafplätzen verzichten. Darüber hinaus gibt es vor allem in älteren Ferienhäuser in der Wohnstube noch diese fiesen eckigen, hölzernen Klappsofas, die schon beim Sitzen äußerst ungemütlich sind, aber ausgeklappt -tadadaaaa- noch zwei weitere Folterschlafplätze des Grauens bieten (ja, ich darf das sagen, habe schon ein paar Nächte auf solchen Teilen verbracht). Um noch weitere Schlafmöglichkeiten zu schaffen, erfreuen sich auch kleinere Nebengebäude, sog. „Makuuaittas“ großer Beliebtheit, denn dorthin kann man bequem noch weitere Betten verfrachten.  Diese sind aber tatsächlich manchmal ganz charmant und vor allen Dingen spart man sich die steile Leiter und die stickige Luft unterm Dach.

„Bad, Toilette und Küche waren verdreckt!“

So, langsam geht es ans Eingemachte… Finnland ist im Allgemeinen gewiss ein außergewöhnlich sauberes Land und ja, sicher, die Badezimmer und Küchen der Ferienhäuser sind im Normalfall geputzt. Aber man sollte keinen Hausfrauenperfektionismus erwarten. Kalkflecken in der Dusche? Ist dem Vermieter garantiert nicht aufgefallen. Seifenreste in der Duschablage? Normal. Polierte Wasserhähne? Unüblich. WC-Brille hochgeklappt? Beinahe Standard (ja, achte bitte mal drauf, selbst in Vermietungsanzeigen ist das sehr üblich 😛 ). Dreckiger Ofen? Upsi! Aber ist ja auch nicht so wichtig, wird doch alles so stark erhitzt, dass keine Bakterien überleben. Verunreinigte Kochplatten? Herd ist eben alt, geht nicht mehr weg. So richtig akzeptieren kann ich das immer noch nicht. Aber ich verstehe besser, warum diese Punkte bei vielen Vermietern keine höchste Priorität haben. Tatsächlich musste es mir von „meinem Finnen“ nochmal erklären lassen, obwohl ich eigentlich von selbst hätte drauf kommen können. So ein Mökki zu pflegen ist viel aufwendiger als es sich die allermeisten von uns vorstellen können. Das kann man nicht mit einer Ferienwohnung in einem Nordseekurort vergleichen… Der Strandabschnitt muss nach jedem Winter aufgeräumt werden, der Steg muss repariert und geputzt werden, der Bootsmotor muss gewartet werden, das Boot muss geputzt werden, Holz muss gehackt werden, der Schornsteinfeger muss kommen, die Regenrinnen müssen geleert werden, Bäume müssen regelmäßig gefällt werden, der Weg muss geräumt und geschottert werden… Die Liste ist unendlich. Und das Ganze wird richtig richtig teuer, wenn man auf fremde Hilfe angewiesen ist. Für die Hausbesitzer ist es einfach wichtiger, das Grundstück in Schuss zu halten als den Herd zu polieren – das kann der Feriengast im Zweifel auch selbst. Ganz im Gegensatz zum Bootsmotor reparieren oder Bäume fällen!

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Trotzdem höre ich aber gelegentlich auch die Beschwerde „Das Anwesen war ungepflegt!“. Tatsächlich habe ich bislang nur sehr wenige zur Vermietung angebotene Objekte gesehen, die wirklich ungepflegt waren. Meist handelt es sich um ein Wahrnehmungsproblem. Ein Waldgrundstück ist eben ein Naturgrundstück. Da können schon mal ein paar Platten vermoost sein, da kann sich schon mal ein Brett vom Steg lösen und ja, da kann auch mal ein toter Vogel in der Ecke liegen (oder im Kamin!). Und es kann sogar mal Mäuse geben (insbesondere nach dem Winter). Das ist alles nicht schön und bequem, aber manchmal kaum vermeidbar. Wenn der Vermieter das Anwesen nicht regelmäßig selbst nutzt, kann es schnell passieren, dass ihm solche Dinge nicht sofort auffallen.

Die Frage „Warum ist das eigentlich alles so teuer?“ haben wir eigentlich mit den obigen Ausführungen schon zum Teil geklärt. Wenn man das alles bedenkt, ist ein Mökki oft sogar erstaunlich bezahlbar.  Insbesondere dann, wenn Strom, Wasser und Brennholz im Preis inklusive sind, was in Finnland keine Seltenheit ist. Hinzu kommt, dass die Saison ziemlich kurz ist und irgendwie müssen die Unkosten ja gedeckt werden. Häuser ohne Heizung können eigentlich nur ca. 4 Monate pro Jahr vermietet werden. Und bei den Häusern, die auch im Winter vermietet werden, fallen extreme Energiekosten an…

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Und wie lässt sich nun die Frage der Überschrift beantworten, gibt es das perfekte Mökki? Ja, das gibt es. Es gibt das Mökki in perfekter Lage, das außerdem blitzblank ist ohne spießig zu sein, wunderschön eingerichtet, mit herzlichen Vermietern, zu einem moderaten Preis. Aber es überrascht wohl kaum, dass die Kombination von allem zusammen relativ selten ist. Und mal ehrlich: ein Haus ohne hochgeklappte WC-Brille, mehrere angebrochene Shampooverpackungen oder besprenkelte Herdscheibe ist sogar fast ein bisschen unfinnisch 😉 .

Typisch finnisch sind hingegen die Traumlagen der hier abgebildeten Häuser 🙂

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Wie sind eure Erfahrungen mit finnischen Mökkis?

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2 Antworten auf “… oder: Mökkis & ihre Macken”

  1. So, jetzt konnte ich endlich diesen ausführlichen, tollen Beitrag durchlesen. Finnland ist natürlich sowieso ein Sehnsuchtsziel von mir. Ich stelle es mir ungeheuer friedlich vor. Und die zurückhaltenden Vermieter kämen mir sehr gelegen. Vielen Dank auch für´s Verlinken. Und liebe Grüße, Stefanie PS.: Beruflich Ferienhäuser angucken, klingt nach einem echten Traumjob!!!

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    1. Ja, es ist schon jedes Mal wieder ein ganz großartiges Erlebnis, quer durch Finnland zu touren, um sich Häuser anzuschauen. Aber es ist auch unfassbar anstrengend…
      Friedlich ist das richtige Wort. Wenn ich hier auf der Straße in die gestressten Gesichter schaue, würde ich den Leuten am liebsten 6 Wochen Zwangskur im finnischen Mökki verordnen😂. Bin sicher, dass so mancher dort für eine Zeit seinen inneren Frieden finden würde…

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