Tallinn zur Vorweihnachtszeit

Um der Trauer und unangenehmen Gedanken zu entfliehen, haben wir uns kurz vor Weihnachten zu einem Spontantrip nach Tallinn entschlossen. Wer mich kennt, weiß, dass Großstädte nicht so sehr meins sind. Aber wer uns kennt, weiß auch, dass wir zu bequem sind, um bei Minusgraden und beißendem Wind irgendwo im südfinnischen Wald herumzustolpern  – zumal es dort ohnehin kaum Wanderwege gibt. Also doch Tallinn. Es ist einfach das bequemste Kurzreiseiseziel von Helsinki aus.

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Und es hat sich gelohnt. Meine Güte, wie sich Tallinn entwickelt! Schon bei meinem ersten Besuch im Jahr 2009 erschien mir die Stadt sehr modern, aber seitdem ist trotzdem noch so viel passiert. Während Estland zum Teil noch wirkt wie im Dornröschenschlaf, so wird in Tallinn bereits die Zukunft gelebt.

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2009 hatte ich selbst als Vegetarierin Probleme, im Restaurant in Tallinn ein passendes Gericht zu finden. Das wurde dann aber schnell sehr viel besser und 2014 eröffnete sogar ein rein veganes Restaurant in der Altstadt. Und 2018? 2018 ist vegan in Tallinn normal. Es gibt mehrere vegane Restaurants und Imbisse, Madel- und Sojamilch sowie vegane Optionen werden in vielen Cafés wie selbstverständlich serviert. Vegan zu essen war für mich in Tallinn heute einfacher als in Berlin, dem einstigen Veganer-Mekka. Dass es sich hoffentlich und möglicherweise nicht nur um einen Trend handelt, sondern um ein allgemein gesteigertes Umwelt- und Ethikbewusstsein, zeigt sich darin, dass es heute in Tallinn auch richtig große Bioläden gibt, Fairtradeshops, Weltläden und allgemein viele neue kleine Manufakturen mit eigenen, innovativen und nachhaltige(re)n Produkten. Wow. Vor ein paar Jahren gab es das alles so noch nicht.

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In Tallinn entwickeln sich offenbar ständig neue Dinge. In der Nähe des Bahnhofs gibt es den Balti Jaama Markt. „Sowjet-Feeling“ pur versprach irgendein Reiseblog. Tja, von wegen! Der Markt ist seit 2017 in einem wunderschönen, neuen, architektonisch überaus ansprechenden Gebäude untergebracht. Sowjetfeeling versprühen höchstens noch die 2-3 russischen Verkäufer, die draußen eingelegtes Gemüse feilbieten. Aber ich wette, in ein paar Jahren sind die auch weg. Drinnen gibt es alles, was das Herz begehrt, die tollsten Lebensmittel, Früchte, Gemüse, Käsebutiken, Fleisch- und Fischläden, einen Bioladen, Restaurants, uskebische Imbisse, italienische Imbisse, vegane Imbisse, Handarbeit, russische Filme, Musik, Antiquitäten. Mich hat es beeindruckt und ich bin begeistert von der Architektur.

Überhaupt, Stichwort Architektur: Liebe deutsche Architekten, ihr kennt heute offenbar nur noch weiße Boxen mit dunklen Dächern und grauen oder dunkelblauen Fenstern. Das ist langweilig und hässlich. Fahrt bitte mal nach Tallinn und lasst euch inspirieren, wie man SCHÖN neu baut. Etliche Beispiel für innovative, schöne neue Architektur findet man nicht nur im Rotermanni-Viertel in der Nähe des Hafens, sondern z.B. auch in dem Stadtteil Kalamaja, der in den letzten Jahren sehr trendig geworden sein soll. Mich beeindruckt, wie gut sich die neuen Gebäude in den bestehenden Altbestand einfügen. Da werden verschiedene Materialen kombiniert (viel Holz), die Bretter werden auch mal quer genagelt, es werden auch mal ungewöhnliche Winkel ausprobiert und die Farbpalette umfasst nicht nur weiß, grau, dunkelblau und schwarz. Ich bin sicher, diese Gebäude werden auch noch nach Jahren gefallen.

Im Winter mit etwas Schnee und gerade vor Weihnachten ist es in Tallinn unglaublich stimmungsvoll. Die Altstadt ist dann fast zu schön, um wahr zu sein. Und vor allem schieben sich deutlich weniger Kreuzfahrttouristen durch die Gassen als im Sommer, wenn die Stadt meiner Meinung nach völlig überlaufen ist. Aber so ein Besuch im Winter ist auch teuer: bei beißendem Wind zogen wir mehr oder weniger nur von Café zu Restaurant zu Café und das geht dann doch ganz schön ins Geld. Das Preisniveau ist nämlich ähnlich wie bei uns. In Finnland zahlt man gewiss vielerorts noch deutlich mehr – aber dafür bekommt man meistens immerhin ein kostenloses, überaus freundliches Lächeln. In Estland hingegen bezahlt man für das, was man bestellt. Lächeln und Serviceorientierung müssen, wie ich finde, noch etwas geübt werden. Aber das ist auch so ungefähr das Einzige, was ich bei diesem Besuch zu kritisieren hatte.

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