Reisebericht Teil 2: mit dem Aurora-Borealis Express nach Kolari

Als wir am 25.6. morgens von der Fähre rollten, erwartete uns strahlender Sonnenschein in Helsinki. Die Stadt war an diesem Juhannuswochende wie ausgestorben. Alles war so ruhig, der Himmel strahlend blau, die Bäume ach so grün und aus dem Radio tönte der Gesang von Paula Koivuniemi „Kuuleeko yö, kuuleeko taivas, tähtiyö“. Mir wurde direkt sentimental zumute und ich merkte, wie sich Wasser in meinen Augen sammelte. Offensichtlich hatte ich dieses Land vermisst, teilweise bewusst, teilweise unbewusst!

Immer noch fühlte sich alles so vertraut an, als ob mein letzter Besuch noch gar nicht lange her gewesen sei.  Die Straßenzüge, der Geruch im Treppenhaus, die Aussicht aus dem Küchenfenster. Doch unsere Absicht war nicht in Helsinki zu bleiben. Am selben Tag noch machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof, um uns über die Verfügbarkeit von Autozugtickets für die nächsten Tage zu erkundigen. Das geht natürlich auch online, doch im Urlaub leben wir gerne offline. Und der Bahnhof in Helsinki ist ohnehin so schön, dass sich allein schon deswegen ein Besuch lohnt – diese architektonische Eleganz, dieser noble Wartesal mit seinen Reliefornamenten und edlen holzverkleideten Tresen! Die kurz angebundene VR-Mitarbeiterin holte mich allerdings schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen: Der Autozug nach Lappland war für Tage ausgebucht! Die nächste freie Abfahrt war erst in 3 Tagen verfügbar!

Es blieb uns nichts anderes übrig als zu warten. Nicht, dass wir nichts zu tun gehabt hätten. Es gab noch diverse organisatorische Dinge zu regeln. Außerdem war die Wettervorhersage für Lappland für die nächsten Tage katastrophal. Aber mich stresste die Warterei leider trotzdem – da ronnen sie nun dahin, die sehnsuchtsvoll erwarteten Urlaubstage! Auch Ausflüge zur geliebten Insel konnten wir nicht machen, da das Wetter zu unstabil war, der Wind zu stark und aus der falschen Richtung kommend.

Doch am Mittwochabend, dem 28.6., war es dann endlich so weit: Abfahrt des Autoreisezuges nach Kolari! Ich hatte gehört, dass nach Kolari noch die alten Wagen fahren, aber das stimmt nur bedingt. Lediglich ein Schlafwagen sowie Sitz- und Speisewagen waren noch von der alten Generation: nostalisch, schön, mit plüschigen Sesseln, pastelfarbener Innenverkleidung und Fenstern, die sich noch öffnen lassen. Alle anderen Schlafwagen waren bereits von der neuen Generation: sauber, komfortabel, vollklimatisiert, aber mit der grau-weißen Hartplastikoptik doch arg klinisch. Das konnte auch die schöne Außenbemalung nicht wieder wett machen.

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Mir hatte es besonders ein ramponiertes Metallschild angetan, das an einen der alten Waggons geheftet war: „Aurora Borealis Express Kolari.“ Bei diesem poetischen Namen kann doch nur Fernweh aufkommen, oder?

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Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis der Zug sich in Bewegung setzte und in ähnlichem Schneckentempo sollte es weitergehen. Bis Tampere brauchten wir mehr als 3 Stunden! Im Zug herrschte derweil gähnende Leere. Wir waren teilweise im ganzen Sitzwagen die einzigen Reisenden. Aus dem Fenster zogen hübsche Orschaften vorüber. Im goldenen Licht der Abendsonne sah alles so unfaßbar schön aus, die bunten Lupinen überall am Bahnwall, die Gärten, die bunten Holzhäuser, die Wälder und blumenreichen Wiesen. „Was wollen wir eigentlich im artkischen, kargen Norden?“ fragte ich mich insgeheim.

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Nach Tampere passierten wir immer seltener Ortschaften, sondern sahen die meiste Zeit nichts außer Wald. Wald, Wald, Wald. Und dieser Wald würde nicht mehr abreißen. Er würde noch nicht einmal in der Dunkelheit verschwinden. Gegen Mitternacht verzogen wir uns endgültig in unser Abteil – es war winzig, aber nur für uns und sogar mit Du/WC ausgestattet. Während der Nacht wachte ich mehrfach auf, weil der Zug mal wieder einfach stehen geblieben war. Irgendwann, gefühlte Ewigkeiten später, setzte er sich wieder schleppend in Bewegung…

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Am nächsten Morgen fühlte ich mich ziemlich gerädert. Doch strahlender Sonnenschein strömte ins Abteil. Die Landschaft hatte sich merklich verändert. Zwar fuhren wir immer noch durch Wald, aber die Bäume waren bereits kleiner geworden und der Boden sumpfig.

Als wir um kurz nach 9 in Kolari ankamen, schlug uns frische, arktische Luft entgegen. Auf dem benachbarten Gleis reihten sich endlose Holzstapel aneinander. In aller Ruhe wurden die Autowaggons zur Verladerampe rangiert, während wir bestimmt noch eine halbe Stunde am Gleis warten mussten. Tervetuloa Lappiin!

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