Meine Wohnung – die „Kaschemme“(Erinnerungen an Dänemark III)

Wer meinen letzten Dänemark-Beitrag gelesen hat, der fragt sich vielleicht, was an meiner Wohnung – im folgenden „Kaschemme“ genannt –  eigentlich so schlimm war.

Dazu muss ich vorweg sagen: jegliche Fotos spiegeln nicht die Realität wieder, da sie nur optische, jedoch keine olfaktorischen Aspekte wiedergeben, geschweige denn so etwas wie Luftfeuchtigkeit.

Das hier war die bittere Wahrheit:

Kaschemme ist, wenn…

  • einem beim Betreten der Wohnung ein bestialischer Schimmelgestank entgegentritt
  • man zwei Tage warten muss, bis das Badezimmer vom Duschen getrocknet ist
  • Handtücher niemals trocknen, sondern nur anfangen muffig zu riechen
  • die Putzlappen anfangen zu schimmeln
  • morgens die Scheiben beschlagen sind
  • Blumen nicht bewässert werden müssen, da sie ihre Feuchtigkeit aus der Luft erhalten
  • man nachts klatschnass aufwacht und glaubt man hätte Fieber
  • sich die Matratze irgendwie feucht anfühlt
  • die Türen immer klemmen
  • alle Fugen im Badezimmer schwarz sind vor Schimmel
  • man von der Küche ins Badezimmer über eine verfaulte Holzschwelle gehen muss
  • das Fenster so klemmt, dass wieder jemand vom Vermietungsbüro kommen muss, um es mit einem gepfefferten Schlag wieder in die Fassung zu prügeln
  • das Toilettenpapier immer nass ist und die Kulturtasche von Innen anfängt zu schimmeln
  • man selbst im Juli in der Wohnung friert und sich die Fotos an der Wand wellen
  • die „Frischluftzufuhr“ im Badezimmer durch ein Loch in der Hauswand geregelt ist
  • das Vermietungsbüro Löcher in den Fensterrahmen bohrt, um den Schimmelgestank in der Küche zu mildern

Diese schöne Aufzählung habe ich aus einem Fotobuch kopiert, welches ich damals an Weihnachten 2011 meinen Eltern schenkte. Besser kann man es nicht zusammenfassen.

kaschemme

Über die Mängel vermerkte ich außerdem in meinem Online-Tagebuch:

Beschwert habe ich mich schon öfters…aber das bringt nichts. Erst einmal ködern mich die Dänen mit ihrer Freundlichkeit. Komme ich innerlich wutschnaubend mit einer Mängelliste in die Verwaltung, werde ich freundlich angestrahlt und die Mitarbeiterin verkündigt lächelnd und ruhig, dass alles kein Problem ist und man einem Techniker Bescheid sagen wird. Tja, was soll man da anderes tun als zurücklächeln und geduldig auf den Techniker warten?

Ob der Techniker kommt oder nicht, ist meistens auch egal. Denn das meiste, was bislang „repariert“ wurde, ist hinterher genauso kaputt wie vorher. Ich muss zugeben, gelegentlich spüre ich eine gewisse Lust, weiter nachzubohren,  aber andererseits darf ich es mir mit dem Vermieterbüro nicht verscherzen. Ich habe eine für meine Verhältnisse horrende Kaution hinterlassen müssen und hoffe inständig, dass ich zumindest den Großteil davon zurückbekomme. Das ist in Dänemark keine Selbstverständlichkeit.

Nach jedem Auszug wird nämlich ein Maler angeheuert, der die Wohnung neu streicht und dafür natürlich ein fürstliches dänisches Gehalt erhält (das ist fast überall so in Dänemark). Es ist verboten, die Wohnung selbst zu streichen und man darf den Maler auch nicht selbst auswählen (der meist direkt beim Vermietungsbüro angestellt ist). Vor dem Auszug weigert sich der Vermieter in der Regel zu sagen, wie viel das Streichen kosten wird. Die Standardantwort lautet, dass man das ja im Vornherein üüüüüüberhaupt nicht einschätzen und deshalb auch keinen Betrag nennen kann. Die Höhe der Rückerstattung der Kaution ist somit ein ziemliches Glücksspiel und ich hoffe, dass mir das Glücksrad in diesem Spiel wohlgesonnen sein wird…

Das Glücksrad war mir übrigens nicht wohlgesonnen und ich habe von meiner Kaution kaum etwas wiederbekommen. Obwohl ich nur 6 Monate dort gewohnt hatte, musste die Kaschemme unbedingt neu gestrichen werden („damit alle so eine schöne, frische Wohnung beim Einzug erhalten wie du“) und erhielt somit ungefähr die 10. Schicht blendend weiße Farbe statt einer vernünftigen Grundsanierung.

Da wurde ich zum ersten Mal richtig, richtig sauer.  Aber das war erst beim Auszug. Vorher konnte ich das Thema „Kaschemme“ gottseidank immer auch mit der nötigen Portion Humor betrachten, wie man vielleicht schon aus meinen Zeilen herauslesen kann.

Und um ganz ehrlich zu sein, war ja auch nicht alles schlecht. Immerhin gehörte die Kaschemme zu einem „hyggeligen“ original jütländischen Innenhofmilieu mit Stockrosen, Kopfsteinpflaster und bunt getünchten Häusern mit Sprossenfenstern. Die ganzen Gebäude, wie übrigens auch die halbe Straße und ein Großteil von Viborg, gehörten einem betagtem, jütländischen Original, von dessen Sorte es nur noch wenige gibt. Er war zwar ein Gauner, aber gefühlt lebte ich trotzdem in seiner patriarischen Obhut. Wenn der alte Herr in seinem Sonnenstuhl, nur 50 m von der Kaschemme entfernt, zwischen den Rosen ruhte und freundlich grüßte, mochte man einfach nichts Böses glauben.

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In dieser lauschigen Ecke pflegte der alte Herr sein Mittagsschläfchen zu halten…

An milden Abenden nahm er gemeinsam mit seinen Werkstattmitarbeitern (der gut gelaunten Chaotentruppe) auf einer selbst geschnitzten Holzbank hinter der Kaschemme ein gut gekühltes Feierabendbier ein (manchmal waren es auch zwei oder drei). Dass die Mülltonnen überquollen und der Wind noch das Laub vom letzten Herbst durch den Hof fegte, kümmerte niemanden. Die Stimmung war dafür umso besser. Wenn ich etwas brauchte, z.B. wenn ich mich mal wieder ausgesperrt hatte oder sich das Fenster wieder nicht nicht schließen ließ, war die (verschlimmbessernde) Hilfe nie weit.

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Die feierabendliche Bierbank (man beachte unten das separate Fach für den Biernachschub…)

Unterm Strich war die Kaschemme eine Erfahrung fürs Leben, die ich trotz allem nicht missen möchte. Zum Glück war ich im Sommerhalbjahr dort und habe das Ganze ohne auch nur eine einzige Erkältung überlegt – im Winter hätte ich den Schimmel, die Feuchte und Kälte aber tatsächlich höchstwahrscheinlich nicht aushalten können.

Wer von euch hat auch schonmal in Dänemark gewohnt, was habt ihr für Erfahrungen gemacht?

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2 Gedanken zu “Meine Wohnung – die „Kaschemme“(Erinnerungen an Dänemark III)

  1. Schade, dass die Bidler so klein sind. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass man die ekligen Details nicht erkennt. Die Beschreibungstexte klingen nämlich nicht besonders gut. In Deutschland würde man bei den ganzen Mängeln erstmal eine deutliche Mietminderung ansetzen, aber im Ausland gelten möglicherweise andere Rechte und Pflichten. Da ist man wahrscheinlich froh, dass man überhaupt etwas hat und sieht über einen absehbaren Zeitraum über die eine oder andere Sache hinweg. Schön, dass nicht alles an der Wohnung in negativer Erinnerung geblieben ist. Mir gefällt die Ölbank. 😀

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    • Ja, die Ölbank war schon recht originell 😉 ! Auf den Bildern kommen die ekeligen Details leider nicht so gut rüber und ich hatte damals noch keine gute Kamera… Da meine Mietzeit auf 6 Monate begrenzt war, hatte ich keine Energie, einen rechtlichen Streit zu entfachen, zumal es wahrscheinlich nichts gebracht hätte, da die Vermietungsfirma seit Jahren erfolgreich eine sehr große Anzahl Immobilien in der Region vermietet und für ihre Machenschaften nicht ganz unbekannt ist.

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