Der Umzug (Erinnerungen an Dänemark II)

Eigentlich hatte man mir von der Arbeitsstelle zugesichert, dass die Wohnungssuche kein Problem sei. Man werde mich schon im altbewährten Nørresø Kollegiet unterbringen. Das Kollegiet ist ein Viborger Studentenwohnheim, in dem aber längst nicht nur Studenten wohnten, sondern auch ein Großteil meiner künftigen Kollegen (z.B. Wochenendpendler). Allerdings stellte sich sehr bald heraus, dass alle Zimmer belegt waren und die Warteliste lang. Also keine Option für mich, denn ich sollte ja schon in 2 Wochen anfangen!

Die Arbeitsstelle war mir zwar behilflich und organisierte mir relativ schnell ein unmöbliertes WG-Zimmer in einer 12-köpfigen Studenten-WG im Zentrum von Viborg – doch mein Inneres rebellierte! Schon das Kollegiet wäre ein Notnagel gewesen – aber eben günstig, möbliert und naturschön gelegen. Eine WG ohne alle diese Vorteile wollte ich jedoch nicht. Die Fotos sprachen mich überhaupt nicht an. Ich hatte bereits 71 Personen auf meiner Ex-Mitbewohner Liste… 71 verschiedene Persönlichkeiten aus insgesamt 15 Nationen. Ich hatte mir 6 Jahre lang die Küche geteilt, Berge ungespülten Geschirrs und überquellende Bio-Tonnen ertragen. Wollte ich das alles nochmal? Ich war 25 und der Gedanke an eine eigene Wohnung war zu verlockend. Ich sagte ab.

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Das Kollegiet wäre ja vielleicht noch ganz nett gewesen – zumindest tolle Lage und Architektur für ein Studentenwohnheim!

Nun oblag es natürlich völlig meiner eigenen Verantwortung, mir eine Bleibe zu organisieren. Hoch lebe das Internet! Doch die Ernüchterung kam schnell: Zwar waren die meisten dänischen Wohnungsangebote sehr bequem im Internet einsehbar, doch per Telefon einen Termin zu machen und Details zu erfahren war nicht immer so einfach. Was war das überhaupt für eine seltsame Deutsche, die da anrief? Und wer wollte schon einen Mieter für nur 6 Monate?

Wollt ihr wissen, wie das Ganze ausging?

Am 28.2.2011 luden wir mein Bett, einen Tisch, zwei Stühle und mein Fahrrad in unseren VW-Bus und am 1.3.2011 fuhren mein Papa und ich damit in aller Herrgottsfrühe nach Viborg. Das Ziel: bis zum Abend eine Wohnung finden. Rückblickend ein ganz schön abenteuerlustiges Unterfangen.

So ganz unvorbereitet waren wir natürlich trotzdem nicht. Zu Hause hatte ich immerhin zwei Objekte in die engere Auswahl nehmen und Besichtigungstermine vereinbaren können. Am frühen Nachmittag kamen wir in Viborg an und besichtigten sofort Objekt 1: eine dunkle, stinkende, alte Bruchbude. Also auf zu Objekt 2. Doch soweit kam es gar nicht. Die Ansicht des dubiosen Ghettohauses und ein Blick ins Treppenhaus ließen uns vorschnell den Termin absagen und den Rückzug antreten. Irgendwoher konnte ich kurzfristig noch eine dritte Immobilie heranziehen, die wir spontan besichtigen durften: eine verschimmelte Kellerwohnung in einem von zwei seltsam wirkenden Männern bewohntem Einfamilienhaus.

Mehr infrage kommende Wohnungen gab es nicht – merke: Ich musste ja schon am selben Tag einziehen. Und irgendwie finanzierbar mussten die Bleibe auch sein. Hilfe, was sollte ich tun?! Ich machte mich kurzerhand auf zur Arbeitsstelle und bat die Kollegen um Rat. Dort riet man mir, nachdem ich alle Nachteile der jeweiligen Objekte erörtert hatte, zu Objekt 1, da es zumindest gut gelegen war.

Mittlerweile war es Abend. Natürlich hätten wir uns, wenn wir vernünftig gewesen wären, jetzt einfach eine Pension nehmen und am nächsten Tag weitersuchen können – aber wir waren nicht vernünftig. Mein Papa drängelte, er wollte am nächsten Tag wieder nach Hause fahren. Mit einem mehr als schlechtem Gefühl entschied ich mich somit – dem Rat meiner ortskundigen Kollegen vertrauend – für Objekt 1, das einem alteingesessenen berühmt-berüchtigtem Viborger Immobilienunternehmen gehörte. Zum Glück legte der nette Mitarbeiter extra wegen mir eine Spätschicht ein und im Licht der Glühlampe unterzeichnete ich zu abendlicher Stunde den Mietvertrag. In bar musste ich die stolze Miete für den nächsten Monat und eine noch stolzere Kaution in Höhe von 3 Monatsmieten hinterlassen. Ob ich das Geld jemals wieder sehen würde?

Mir wurden die Schlüssen ausgehändigt und da hatte ich sie nun… meine erste eigene Wohnung. Eine Bruchbude wie sie im Buche stand – ich taufte sie spontan „Kaschemme“. Als am nächsten Tag mein Papa mit unserem VW-Bus vom Hof rollte, stiegen mir Tränen in die Augen – wie sollte ich es hier nur ein halbes Jahr aushalten?

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Meine Stimmung nach Einzug – vom Glückstaumel keine Spur mehr!

Wie es weiterging und was an der Wohnung eigentlich alles so schlimm war – das erfahrt ihr im nächsten Beitrag. Wenn ich an die ganze Wohnungsaktion zurückdenke, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Das war schon wirklich verrückt 🙂 .

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3 Gedanken zu “Der Umzug (Erinnerungen an Dänemark II)

  1. Oh, das klingt ja nicht gut. Wohnungssuche im Ausland und wenn man nicht wirklich vor Ort ist, stelle ich mir sehr schwer vor. Ich hoffe, dass du irgendwie das beste aus der stinkigen Bruchbude gemacht hast und freue mich auf den nächsten Bericht.

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