Finnland – meine persönlichen Pull- und Pushfaktoren

„Willst du nicht nach Finnland ziehen?“

Diese Frage wurde und wird mir häufig gestellt. Scheinbar erscheint sie für viele meiner Mitmenschen sehr naheliegend, weil ich ja doch recht viel Finnlandbegeisterung versprühe und dann ja auch noch (seit übrigens bald 10 Jahren!) einen finnischen Freund an meiner Seite habe.

Meine persönliche Antwort auf diese Frage ist jedoch im Moment ein recht eindeutiges „Nein“. Warum das so ist? Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, vor allem persönliche, die nichts mit irgendwelchen Ländern zu tun haben.

Aber mal so ganz nüchtern betrachtet – was wären die Pull- und welches die Push-Faktoren? Das ist natürlich auch wieder persönlich – aber vielleicht ist es ja mal ganz interessant zu lesen, was aus meiner Sicht da so zusammenkommt – auch jenseits der üblichen Klischées und Glitzer-Reisebloggerwelt.

Pulls

  • Die Nähe zur Natur, unabhängig vom Wohnort. In Deutschland gibt’s zwar auch wunderschöne Natur, aber nicht überall. Und von der Nähe zum Wasser ganz zu schweigen.
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Helsinki, Laajasalo
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Siedlungen in solcher Lage gibt es zu Hauf…
  • Die Ruhe und Entpanntheit. Na gut, im Zentrum von Helsinki oder Tampere spüre ich diese Ruhe jetzt nicht unbedingt – aber dort halte ich mich ja meist auch nicht freiwillig auf. Generell sind Finnen aber oft langsamer und entspannter – und ich bin es dann auch.

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  • Die Akzeptanz von Introvertiertheit und Schüchternheit. Bei uns kommt oft nur weiter, wer selbstbewusst ist, wer laut ist, wer sich was zutraut, wer auf andere zugeht und auch mal die Ellebogen ausfährt. Das ist in Finnland meiner Erfahrung nach etwas anders. Dort bekommen auch eher vorsichtige, schüchterne Menschen eine Chance – wie sollte es auch anders sein in einem Land, wo es gefühlt so überdurchschnittlich viele introvertierte Menschen gibt?
  • Überhaupt habe ich den Eindruck, dass es in Finnland so viel leichter ist erfolgreich zu sein. Abgesehen von einigen echt guten, innovativen Ideen ist die Konkurrenz auch einfach deutlich schwächer ausgeprägt als bei uns. In so vielen Bereichen würden mir spannende Geschäftsideen einfallen…
  • authentische Freundlichkeit – wenn mir in Finnland freundlich begegnet wird, fühlt sich die Freundlichkeit oft authentischer und weniger einstudiert an als anderswo.
  • Schönes Design auch in der Öffentlichkeit. Finnische Städte sind zwar gemeinhin nicht das, was man als schön bezeichnet, aber trotzdem werden öffentliche wie private Projekte deutlich stärker nach ästhetischen Gesichtspunkten geplant als bei uns. Somit sind Universitäten, Bibliotheken & Co. in Finnland nicht nur 10 x sauberer, sondern meist auch 10 x schöner als wir es gewohnt sind. Auch die neueren Mehrfamilienhaussiedlungen finde ich trotz Einheitslook überraschend ästhetisch.
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Universität Jyväskylä im Jahr 2007 – schaut euch mal die Stühle an – welche Qualität!
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Fußgängerbrücke im Wohngebiet in Osthelsinki mit künstlichem Wasserfall
  • finnisches Obst, Beeren und Gemüse schmecken einfach besser.
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Ok, die Weintrauben sind importiert – aber der Rest ist finnisch und sooooo aromatisch!

Pushs

  • Der Herbst und der Frühling. Und der Winter, wenn kein Schnee liegt. Der finnische Sommer ist ja wunderschön, aber die Zwischenjahreszeiten empfinde ich als ziemlich trostlos. Gleiches gilt für den Winter, wenn kein Schnee liegt – und das ist im Süden ja leider gar nicht mal so selten.
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April in Helsinki…
  • Apropos Trostlosigkeit: Manche Orte haben in Finnland einen besonderen Hang zur Trostlosigkeit – eine Mischung aus Wetter (schneelos, düster), Vegetation (nordische Kargheit), Baustil (Plattenbau),  Lokalität (z.B. billige Bar, Kettenrestaurant) und Menschen (abgehalfterte Alkis). Ich kann es schwer erklären, aber falls ihr mal in Finnland wart, wisst ihr bestimmt, was ich meine. Es ist keineswegs so, dass es überall so wäre – nur stellenweise. Aber mich ziehen diese Orte ziemlich runter.
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You know what I mean 😉 ?
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Man achte auf die Details…
  • Die allgemein verbreitete Introvertiertheit hat auch so ihre Schattenseiten. Wenn ich in Deutschland ein Seminar oder einen Kurs besuche, ist meist schnell eine vertraute Atmosphäre hergestellt, man scherzt miteinander, tauscht sich aus und für ein paar Tage oder Wochen sind die Kurskameraden wie gute Bekannte. Mag oberflächlich sein, ich mag es trotzdem. Die Finnen brauchen da in der Regel länger, um warm zu werden und dann ist die Gelegenheit manchmal schon wieder vorbei…
  •  Oft hört man ja, dass Deutsche es sehr genau mit Empfehlungen, Regeln und Verboten nehmen. Der Durchschnittsfinne nimmt es aber noch genauer. Fragen wie „Müssen wir uns wirklich alle gegen Schweinegrippe impfen lassen?“, „Ist nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums tatsächlich alles ungenießbar?“, „Was passiert, wenn ich mich auf der Rolltreppe nicht rechts an die Wand presse?“ bleiben ungestellt.
  • Hand in Hand damit geht eine allgemeine Lethargie, etwas gegen Dinge zu unternehmen, die einem nicht passen. Egal, ob es um große Dinge geht wie den Bau von neuen AKW (finden überraschend viele auch noch gut), die Zubetonierung des eigenes Stadtteils oder um ganz alltägliche Dinge wie den Austausch einer defekten Glühlampe im Treppenhaus des Mehrfamilienhauses – „Das werden die Verantwortlichen schon alles richtig entscheiden bzw. regeln“. Oder auch nicht.
  • Das Nichtdurchdiskutieren von Problemen. Wenn etwas nicht passt, wird oft nicht das konstruktive Gespräch gesucht (in dem sich eigentlich fast alles würde klären lassen), sondern man lässt das Fass stillschweigend schön vollaufen und lässt es irgendwann laut auseinanderbersten ohne eine Chance, es wieder zu reparieren. Ziemlich gewöhnungsbedürftig – da hilft es nur, Probleme selbst rechtzeitig zu erkennen und in Angriff zu nehmen, bevor sie implodieren 😉
  • Die Plastiktüte, dein Freund und Helfer. Die Plastikflasche und Bierdose – Quell deines Genusses. Während bei uns viele Geschäfte Plastiktüten ganz verbannt haben und ohnehin kaum jemand mit Plastiktüte einkaufen geht, ist es in Finnland immer noch das Normalste der Welt, jeden Lebensmitteleinkauf in mehreren, neu erworbenen Plastiktüten nach Hause zu transportieren… „Laitetaanko pieneen pussiin?“ („Soll ich das in eine kleine Tüte stecken?“) fragt auch jeder finnische Verkäufer routiniert, wenn man gekühlte Produkte aufs Kassenband legt und diese noch nicht in Plastik gehüllt hat. Getränke in Glasflaschen sind die absolute Ausnahme, Wasser und Softdrinks gibt es nur aus Plastik und Bier trinkt man meist aus Dosen…

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  • Erworben werden die Produkte des Konsums im nagelneuen Konsumtempel, die immer noch wie Pilze aus dem Boden schießen – obwohl in den letzten Jahren erfreulicherweise auch erfolgversprechende Gegentendenzen zu beobachten sind. Trotzdem: Ein Hoch auf den Hypermarkt, in dem es alles gibt, der konstakt auf geschätzte 10°C runtergekühlt ist (als ob die Energie einfach so aus der Steckdose käme…) und dessen Gänge so breit sind, dass man mit dem Trecker durchfahren könnte.
  • Die Lebensmittelpreise sind zum Teil gewöhnungsbedürftig. Andererseits bin ich für Qualität ja durchaus bereit zu zahlen – aber warum Dienstleistungen wie Handwerker, Privatärzte, das Ausstellen von Dokumenten etc. in Finnland geschätzt 2-3 x so teuer sind wie in Deutschland, will mir trotzdem nicht in den Kopf. Da ist die Qualität nämlich nicht besser…

Ja, ich weiß, einige Punkte sind sehr pointiert formuliert. Und natürlich gibt es immer 1000+1 Ausnahmen. Aber wie gesagt: Hier geht es ja um meine persönliche Wahrnehmung.

Und nun interessiert es mich natürlich brennend, wie ihr das alles seht! Ähnlich oder ganz anders?

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2 Gedanken zu “Finnland – meine persönlichen Pull- und Pushfaktoren

  1. Einiges entspricht auch meinem Eindruck, als ich in Finnland war (in Jyväskylä), z.B die Mentalität, dieses unterschwellige Gefühl der Lethargie. Aber ich möchte das nicht pauschalisieren, denn dazu kenne ich die Mentalität zu wenig. Vielleicht liegt das gefühlte Unbehagen ja ausschließlich in meiner eigenen Wahrnehmung begründet, die nun mal subjektiv ist. Dennoch, ich habe sehr gute Erinnerungen an SF und hatte damals viel Spaß mit den Finnen. Noch einen schönen sonnigen Tag!

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    • Ich habe ja auch beruflich viel mit Finnen zu tun und das mit der Lethargie beobachte ich immer wieder… Aber natürlich gibt es auch Ausnahmen und da sind wir wieder beim Thema Erfolg – meine These ist, dass diejenigen, die nicht so lethargisch sind, es vergleichsweise leicht haben, erfolgreich zu sein…
      Dir auch noch einen schönen Tag 🙂 !

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