Butiksbåten Christina

Seien wir ehrlich… Finnland verändert sich in rasantem Tempo und das nicht immer nur zum Guten. Ein besonderer Dorn in meinem Auge sind die ständig neuen Hypermärkte, die in den  Wachstumszentren schon seit Jahren wie Pilze aus dem Boden sprießen – im Vergleich zu denen sind „Real“ und „Marktkauf“ Puppenspielhäuser. Da man dort wirklich (fast) alles bekommt, braucht man sich auch nicht wundern, dass es kaum noch charmante Fachgeschäfte gibt. Überhaupt sind ja heute in Finnland fast alle Geschäfte in blitzenden, neuen Einkaufszentren untergebracht, die beliebig austauschbar sind, weil sie nur noch aus Kettenfilialen bestehen. Kleinere, ältere Einkaufszentren sind mitterweile fast ausgestorben und in die leerstehenden Ladenlokale haben sich trostlose Alkoholikerkneipen eingemietet. Klar, ähnliche Tendenzen gibt es auch woanders, aber in Finnland ist das meinem Empfinden nach besonders krass. Alles wird automatisiert, zentralisiert, externalisiert, modernisiert, industrialisiert. Im Supermarkt bekommt man noch nicht einmal mehr Wasser, Saft und Limonade aus Glasflaschen – abgeschafft.

Umso schöner ist es dann, wenn man bemerkt, dass es im Kleinen auch wieder gegenläufige Tendenzen gibt. Und dass es einige Dinge gibt, die tatsächlich noch so sind wie früher. Eins davon ist Butiksbåten „Christina“, das Kaufmannsschiff „Christina“. Die „Christina“ verkehrt in den Sommermonaten im Schärengarten von Porvoo. Dort läuft die verschiedene Inseln an und versorgt die Inselbewohner (die meisten verbringen dort nur den Sommer bzw. Sommerurlaub) mit Lebensmitteln und allem, was man so braucht. Auf den Inseln selbst gibt es nämlich keine Geschäfte und um einzukaufen, muss man sonst mit dem eigenen Boot zum Festland fahren. Früher gab es mehrere solcher Boote, heute ist die Christina das einzige Kaufmannsschiff in Finnland, das noch im Verkehr ist.

Deshalb war es für mich höchste Zeit, die „Christina“ auch endlich mal zu besuchen, denn wer weiß, wie lange sie noch fährt… Und natürlich wollte ich auch wissen, wovon mein Freund und dessen Verwandte immer sprechen, wenn sie mir ihre Kindheitsgeschichten vom Kaufmannsschiff auftischen 😉 .

Dieses Jahr hatten wir also extra geplant, einige Nächte im baufälligen Insel-Mökki zu verbringen – zum einen wegen meines Schlangenticks (auf dem Grundstück nisten immer Ringelnattern und ich wollte doch so gerne Schlangen in der Natur beobachten, siehe hier) und zum anderen wegen des Kaufmannsschiffes. Und so ganz nebenbei auch wegen des Schornsteinfegers, der unbedingt mal wieder bestellt werden musste.

Die „Christina“ legt auf unserer Insel immer montags, mittwochs und freitags für vielleicht 20 Minuten an. Da gilt es also pünktlich zu sein und beim Einkaufen nicht zu bummeln. Auch die Christina war pünktlich – exakt 5 Minuten vor der geplanten Ankunft sah man ein Boot in die Bucht einlaufen. Ich war aber erstmal enttäuscht. Das sollte das Kaufmannsschiff sein? Ich hatte mir ein Schiff vorgestellt, kein unscheinbar aussehendes Boot!

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Auf dem Anlegesteg warteten bereits die Inselbewohner. Nachdem die Christina festgemacht und der Eingang geöffnet war, dudelte ABBA-Musik aus dem Schiffsbauch und der Kapitän lief in Shorts bekleidet, barfuß auf dem Deck zwischen Blumenerde und Gasflaschen herum, um gemütlich mit den Kunden zu plaudern – meist auf Schwedisch, denn im Schärengarten von Porvoo wird immer noch viel Schwedisch gesprochen. Die Sonne schien, es war warm, der Himmel blau… ach, da war ich für einen Moment doch ganz gerührt! Das war irgendwie wie aus einem alten Astrid Lindgren Film. Dass es sowas heutzutage in Finnland noch gibt, hach…!

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Im Inneren des Bootes war es eng, dunkel und wuselig. Die Ware war zum Teil in nicht einsehbaren Metallkühlschränken verstaut und wir mussten so manches erstmal suchen. Aber zu meiner Überraschung bekamen wir alles, was wir brauchten – sogar einen Kamm. Ganz billig war der Einkauf natürlich nicht, bei der Rechnung habe ich erstmal geschluckt. Eigentlich sogar zweimal, denn einmal schlucken ist in Finnland im Geschäft normal 😉 . Aber irgendwie muss der Betrieb des Schiffes ja auch finanziert werden.

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Kaum dass wir unsere Brocken beisammen hatte,  machte die Christina sich auch schon wieder auf zum nächsten Anleger. Von der Saunaterasse aus sahen wir zu, wie sie in der Mittagssonne immer kleiner wurde und hinter der Insel verschwand. R. verspeiste noch die Reste seines auf der Christina erworbenen frisch geräuchterten Lachs. Ich esse normalerweise keinen (gekauften) Fisch – aus Überzeugung. Diesmal machte ich aber eine kleine Ausnahme und probiert ein Stück. Unwiderstehlich. Wirklich. Ich habe vorher nicht gewusst, dass Fisch so gut schmecken kann. Falls ich die „Christina“ nochmal besuchen sollte, weiß ich nicht, ob ich da stark bleiben kann.

Ob die „Christina“ auch im nächsten Sommer wieder im Schärengarten unterwegs ist, entscheidet sich übrigens, wie man hier nachlesen kann, erst um Weihnachten herum. Ich hoffe sehr, dass die Entscheidung wieder „ja“ lauten wird!

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6 Gedanken zu “Butiksbåten Christina

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