Mein Naturerlebnis des Jahres – oder wie ich mich in eine Ringelnatter verliebte

Heute schreibe ich endlich über mein schönstes Erlebnis diesen Sommer.

Dazu muss ich ein bisschen ausholen. Und ich muss euch gleich vorab mitteilen: Ich habe einen kleinen Schlangentick. Schon seit meiner Kindheit träumte ich davon, einmal einem dieser unheimlichen, aber deswegen (?) auch so faszinierenden Geschöpfe in freier Natur zu begegnen. Aber es passierte einfach nicht. Alle sahen Schlangen, ich nicht.

So vergingen ungefähr 20 Jahre. Bis es im August 2015 in Finnland auf einmal passierte: nichtsahnend streifte ich mit meiner Kamera ums Grundstück herum, wunderte mich über das seltsame Zischen neben mir und traute dann kaum meinen Augen: ungefähr 30 cm neben mir schlängelte sich eine ziemlich stattliche Schlange! Ich war sowas von aus dem Häuschen, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen. Als ich den finnischen Verwandten von R. von meiner grandiosen Beobachtung erzählte, konnte ich denen zwar nur ein müdes Gähnen entlocken, aber ich war richtig angfixt!

Seitem ist die mystische Hürde irgendwie durchbrochen, denn ich sah im selben Sommer auch noch eine andere Schlange und diesen Sommer (also 1 Jahr später) habe ich so viele Schlangen gesehen, dass ich gerade gar nicht mehr weiß, ob es 5 oder 6 waren! Alles waren (bis auf eine Ausnahme) übrigens harmlose Ringelnattern.

Die absolute Krönung war, als uns eine Schlange in unserer Hütte besuchte. Das war so: ich kam gerade von meinem Streifzug durch den Wald wieder. Warum ich im Wald war? Natürlich, um potentielle Schlangenplätze aufzuspüren, denn die Insel, auf der wir weilten, ist sehr schlangenreich und bereits die Nachbarn hatten uns erzählt, dass es dieses Jahr besonders viele Kreuzottern gäbe. Einige hätten sie schon eigenhändig getötet. Das ist zwar verboten, denn die Kreuzotter steht unter Schutz – aber die Realität ist, dass das viele Finnen herzlich wenig interessiert, wenn sich die Ottern auf dem eigenen Grundstück eingenistet haben, wo Kinder und Hunde spielen. Jedenfalls – ich war im Wald auf Schlangensuche gewesen und hatte mal wieder keine gesehen.

Ich wollte also die Kamera wieder zurück in die Hütte bringen, bis ich sie auf einmal sah: eine Ringelnatter, direkt neben der Treppe! Ich rief enzückt zu R.: „GUCK MAL, EINE SCHLANGE!!!“

Und was machte die Ringelnatter? Sie schlängelte sich die Treppe hoch, direkt in die Hütte rein. Besser konnte es nicht mehr werden! Sie inspizierte unsere Koffer und all den Kram, der so auf dem Boden herumstand. Dabei war sie verständlicherweise leicht gestresst, denn sie zischte ununterbrochen. Kein Wunder, ich war ja mit der Kamera live dabei 😉 . Besonders toll fand ich es, als sie sich direkt neben meinem Schlangenbuch herschlängelte. Sie versuchte immer wieder in die Wandpanele einzudringen und irgendwie abzuhauen. Es war wirklich erstaunlich, welche Lücken sie überall fand, doch leider war sie zu dick und passte höchstes zur Hälfte in die Ritzen, sodass sie sich doch immer wieder zischend auf den Boden werfen musste.

dsc_0491
May I introduce? Der Herr Ringelnatter (ja, es war ein Gentleman, die Damen haben einen größeren, dreieckigen Kopf und sind auch generell etwas größer). Man ignoriere übrigens den dreckigen Fußboden und die Zahnpastatube auf selbigem – wir waren in einer einfachen Hütte, die seit Jahren nicht genutzt wurde und Regale gab es dort auch nicht 😉

R. fand das mit der Schlange in der Hütte übrigens gar nicht so cool. Er wollte, dass sie möglichst schnell wieder rausgeht. Und da die Fotos drinnen auch nicht wirklich gut wurden, dachte ich „Oke, soll sie ruhig wieder rausgehen und sobald sie die Türschwelle passiert, mache ich die DIE Schlangenfotos meines Lebens“.

DSC_0509.JPG
Erkennt ihr den großen Staubfusel auf dem Kopf? ❤

Ich postierte mich siegessicher mit der Kamera in gebührendem Abstand vor der Haustür und wartete. Und richtig, schon bald tauchte auch die Schlange auf. Ich drückte auf den Auslöser. VER…. DER AKKU WAR LEER!!!“ Ausgerechnet jetzt! ARGHHHH!!!

Mir fiel nichts Besseres ein, als die Schlange zu verfolgen. Eigentlich sind Ringelnattern ja extrem flott und finden rasch ein unauffindbares Versteck, aber dieses Exemplar war etwas orientierungslos. Sie schlängelte sich unsicher an der Hauswand entlang, ich immer hinterher. Dann versteckte sie sich unter einem alten Bootssteg, der an der Hauswand angelehnt war – aber von dort kam sie nicht weg, denn ich kontrollierte fleißig beide Eingänge und war ihr sofort auf den Fersen, als sie einen davon wählte. Sie schlängelte weiter an der Hauswand entlang, wieder zur Treppe… und wieder in die Hütte rein!!! YEAH, so viel Glück im Unglück! Ich verrammelte gleich die Tür als die Schlange drin war und lud erst mal den Akku 😉 .

Nach einer halben Stunde war der Kameraakku ausreichend voll und die Schlange durfte wieder raus. Jetzt konnte ich endlich meine Traumfotos machen! Wieder verfolgte ich die Schlange, wieder ging sie unter den Steg. Mittlerweile verlor ich immer mehr meine natürliche Scheu und kroch richtig nahe dran. Die Schlange hatte sich mittlerweile zu einem undefinierbaren Knäuel zusammengerollt. Zwei ängstliche Augen blickten mich aus dem Dunkel an. Die Zischlaute klangen nicht mehr bedrohlich, sondern nur noch wie ein verzweifeltes letzes Aufbegehren. Da war es um mich geschehen. Die Schlange hatte alles Furchteinflößende verloren, ich fand sie einfach nur noch niedlich und bemitleidenswert. HACH.

dsc_0517
Nanu, wen haben wir denn da?
dsc_0555_01
Schmal, aber lang!
dsc_0556
Beeindruckende Kletterkünste
DSC_0546 (Large).JPG
Muss ich jetzt sterben…?
dsc_0541
Ich bin doch nur eine kleine, harmlose Ringelnatter…

Ich wollte sie nicht länger quälen und machte ihr den Weg frei.

Das verschreckte Tier nahm allerdings wiederum einen ziemlich direkten Kurs auf die Haustür, doch diesmal war R. schneller und schlug die Tür ins Schloss, bevor die Schlange wieder reinkonnte. Stattdessen trollte sie sich dann in den Blaubeerbüschen.

Seitdem hat sich mein Verhältnis zu Ringelnattern verändert. Ich finde sie nicht mehr nur faszinierend, sondern richtig sympathisch. Oder bin ich nur einem besonders niedlichen, friedfertigem und liebenswerten Exemplar begegnet?

Das sagt mein finnisches Schlangenbuch über das Verteidigungsverhalten von Ringelnattern:

In bedrohlichen Situationen, versucht die Ringelnatter immer zu fliehen. Bei warmem Wetter bewegt sie sich schnell, kurvig und ändert überraschend die Richtung. Wenn der Fluchtweg blockiert ist, kann sich die Schlange von einem Felsen oder Abhang herunterfallen lassen.

Immer ist eine Flucht nicht möglich. Für solche Bedrohungen beherrscht die Ringelnatter verschiedene einfallsreiche Tricks: Einer davon ist, sich größer zu machen oder das Aussehen einer gefährlicheren Art zu imitieren. Eine relativ milde Drohung ist plötzliches Zischen oder ein schnelles Züngeln. Gleichzeitig atmet die Schlange heftig und pumpt Luft rein und raus. Der Blick ist fest auf die Bedrohung gerichtet. Falls das nicht hilft, kann eine große Schlange sich auch größer machen, indem sie den Kopf hebt und den Hals aufpumpt. Junge, manchmal auch ältere Schlangen, verbinden sich zu einem großen Knäuel, ziehen den Kopf ein und checken zwischendurch schnell die Lage.

Die Ringelnatter kann kann auch eine angriffsbereite Kreuzotter nachahmen, indem sie sich zu einer scharfen S-Kurve formt und einen Scheinangriff ausübt. Ebenso kann sie ihren Kopf schlanker machen, sodass die mehr wie eine Kreuzotter aussieht. Der Mund ist trotzdem die ganze Zeit geschlossen.

Manchmal muss die Ringelnatter zu noch schärfteren Maßnahmen greifen. Dann übt sie einen stinkenden Gegenangriff aus. Sie spritzt dann aus einer Analdrüse in der Kloake eine stinkende Flüßigkeit auf den Angreifer und sich selbst. Die übelriechende Flüssigkeit macht die Ringelnatter als ursprünglich leckere Beute ungenießbar für den Angereifer. Die Schlange kann auch exkrementieren und erbrechen.

Wenn auch die Chemie nicht hilft, hat die Ringelnatter noch mehr Drama zu bieten: Sie täuscht einen Scheintot vor. Sie rollt sich auf dem Rücken zusammen, gibt vermeintliche Todeszuckungen von sich und zeigt ihren Bauch. Der Mund ist auf und die Zunge hängt lang herunter. Aus dem Mund kann sogar Spucke tropfen und blutiger Schleim. Sogar die Pupillen fallen in die Augenwinkel. Die Schlange jedoch ist sehr, sehr lebendig! Sie beobachtet ganz genau, was passiert und sobald der Angreifer einen Moment unaufmerksam ist, macht sie sich mit Volldampf aus dem Staub. […]

[Zitiert und übersetzt aus: Jarmo Latva & Lisse Tarnanen: Suomen käärmeet ja liskot. Madella Oy, Espoo]

Spannend, oder? Summa summarum: Es gibt keinen Grund, eine Ringelnatter zu fürchten. Aber wenn sie sich sehr bedroht fühlt, kann sie ein bisschen ungemütlich werden. Unsere Schlange hatte allen Grund, sich bedroht zu fühlen. Aber sie hat keine Kreuzotter imitiert, keinen Scheinangriff vorgestäuscht, nicht gekotzt, sich nicht erleichtert und mich auch mit der Flüssigkeit aus ihrer Analdrüse verschont! Sie hat nur ein bisschen gezischt. Ein sehr liebes und friedfertiges Exemplar, ich sagte es ja bereits 🙂

Welchen Schlangen seid ihr schon in der Natur begegnet? Wo seid ihr ihnen begegnet und wie haben sich die Schlangen verhalten?

P.S. Wie man sieht, sind die Fotos doch nicht so dolle geworden (tja, da fehlt mir halt doch der Zoom), aber ich bin trotzdem sehr glücklich, dass ich alles verewigen konnte

Advertisements

8 Gedanken zu “Mein Naturerlebnis des Jahres – oder wie ich mich in eine Ringelnatter verliebte

  1. Moin! Ja, ein spannendes Erlebnis so eine Ringelnatter im Haus. Ich hätte sie nur eher aus dem Haus getragen 😉 Ich habe eine große Begeisterung für Schlangen und bin hier in Schleswig-Holstein häufig zwecks Reptilien Kartierungen unterwegs. Kreuzottern und Ringelnattern sehe ich dabei häufig. Meine größte Faszination gilt jedoch der in Schleswig-Holstein sehr seltenen Schlingnatter. Eines der wenigen Vorkommen von dieser Art betreue ich hier in einem Moorgebiet. Dort fange ich die Tiere kurz (mit Erlaubnis) und fotografiere ihren Kopf von allen Seiten, so dass man sie wiedererkennen kann. So bekommt man dann irgendwann eine Vorstellung von der Größe der Population. Die Schlingnatter ist oft nur mit Hilfsmitteln wie künstlichen Verstecken zu finden. Manchmal entdeckt man sie nach Jahren in alten Vorkommensgebieten wieder. Diese heimliche Lebensweise macht sie für mich so besonders. Ich habe auf meinem Blog einen Artikel über die Schlangen Schleswig-Holsteins, wenn es dich interessiert. Die gleichen Arten kommen übrigens auch in Finnland vor, die Schlingnatter jedoch dort nur auf den Aland Inseln. Oben im Norden werden die Tiere übrigens häufig größer als hier! Das ist eine Anpassung an die kühleren Temperaturen dort. Liebe Grüße, Patrick

    Gefällt 1 Person

  2. Moin! Ich hatte eben schonmal kommentiert aber mein Smartphone hat den Kommentar glaube ich nicht abgeschickt – wenn doch noch ein 2. Kommentar von mir erscheint, dann bitte nicht wundern 🙂
    In der Tat ein spannendes Erlebnis! Vielleicht hätte ich das Tier nur irgendwann selber in die Freiheit gesetzt 😉
    Ich bin von Schlangen seit meiner Kindheit fasziniert. Hier in Schleswig-Holstein kartiere ich regelmäßig Reptilien. Dabei sehe ich Ringelnattern und Kreuzottern (nach der Winterruhe sind sie an den richtigen Stellen vergleichsweise einfach zu finden) recht häufig. Meine größte Faszination gilt jedoch der in Schleswig-Holstein seltensten Schlange, nämlich der Schlingnatter. In einem Moorgebiet betreue ich eines ihrer wenigen Vorkommen hier in SH. Die Schlingnatter lebt sehr heimlich und ist oft nur mit künstlichen Verstecken nachzuweisen. Gelegentlich findet man sie nach Jahren! in alten Vorkommensgebieten wieder. Ich fange die gefundenen Schlingnattern (mit Genehmigung) kurzzeitig, fotografiere ihren Kopf von allen Seiten und kann sie so später anhand der Kopfzeichnung wiedererkennen. So bekommt man dann irgendwann eine Vorstellung von den Populationsgrößen. Wenn es dich interessiert – ich habe auf meinem Blog einen Artikel über die Schlangenarten in Schleswig-Holstein geschrieben. Das sind im übrigen die gleichen Arten, die man auch in Finnland findet. Die Schlingnatter kommt dort jedoch nur auf den Aland Inseln vor. Aufgrund des kälteren Klimas findet man im Norden übrigens im Schnitt meist größere Exemplare als weiter im Süden.
    Beste Grüße,
    Patrick

    Gefällt mir

    • Hallo Patrick,

      danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich werde mir deinen Blogartikel unbedingt mal in Ruhe durchlesen! Das klingt sooo spannend, was du da machst! Wenn ich mal im Frühjahr nach Schleswig-Holstein fahren sollte, frage ich dich nach möglichen Schlangenplätzen 🙂 . Die Schlingnatter würde ich auch super gerne mal sehen. Lt. meinem finnischen Schlangenbuch fürchtet sie den Menschen nicht und lässt sich auch aus nächster Nähe fotografieren. Auch eine Kreuzotter würde ich gerne nochmal richtig sehen. Dieses Jahre habe ich meine erste gesehen – auf Estland vom Pferderücken aus. Ich war erstaunt, wie klein sie war! Die Ringelnattern, die ich bislang gesehen habe, waren wesentlich größer. Im Schärengebiet soll es die größten Exemplare geben, aber die größte, die ich bislang gesehen habe, war im Seengebiet (ca. 1 m).

      In Deutschland habe ich übrigens immer noch keine Schlange zu Gesicht bekommen – das muss sich bald auch mal ändern ;).

      Liebe Grüße,
      Heike // nordetrotter

      Gefällt mir

      • Sag einfach mal an, wenn du in SH bist. Gelegentlich mache ich mit Interessierten mal kleine Exkursionen zu den Tieren. Wichtig ist mir immer, dass man die Stellen nicht im Netz preisgibt. In der Tat sind die Schlingnattern nicht so scheu, sondern verharren eher und verlassen sich auf ihre Tarnung. Sie sonnen sich meist nicht direkt sondern über Kontaktwärme. Daher liegen sie meist nicht so offen wie bspw. Ottern. Schlingnattern beißen aber gerne mal zu, wenn man sie packt. Ja, Kreuzottern sind keine Riesen. Gerade bei den Männchen hat man wohl eher selten mehr als 60cm hier.
        Ich wünsche dir einen schönen Abend.
        Beste Grüße,
        Patrick

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s