Helsinki-Oulu-Helsinki: Unterwegs in Finnland mit Zug und Fernbus

Letztes Jahr im August habe ich während meines fünfwöchigen Finnlandurlaubs eine alte Freundin in Oulu besucht. Wir hatten während unseres Austauschstudiums in Lund/Schweden kennengelernt und seit 7 Jahren nicht mehr gesehen. Obwohl ich regelmäßig in Finnland bin, hatte ich es bis dato nie nach Oulu geschafft. Aber gut: Oulu liegt ja auch nicht gerade um die Ecke, sondern 600 km nördlich von Helsinki, direkt am Bottnischen Meerbusen.

Doch im August 2015 war es endlich so weit! Ich hatte die Hinfahrt bei der finnischen Bahn gebucht und die Rückfahrt bei Onnibus, einem finnischen Billig-Fernreisebusunternehmen.

Wie ist es also in Finnland lange Strecken mit dem Zug und Bus zu fahren? Wer gewinnt – der Zug oder der Fernbus? Entscheidet selbst!

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Helsinki Hauptbahnhof, morgens um 9: nix los…

Finnische Bahn: Helsinki-Oulu, 6 h 35 Min.

Mitte August, Freitag morgen, 8:45, Helsinki Hauptbahnhof. M-O-M-E-N-T. Helsinki Hauptbahnhof?! Wieso ist es hier um diese Zeit so leer? Warum rennt niemand hektisch auf den Bahnsteigen herum, warum stopfen sich keine Leute mit gehetztem Gesichtsausdruck auf dem Weg zum Zug Brötchen und Croissants in den Mund, während der Coffee to go in der anderen Hand gefährlich droht aus dem Pappbecher zu schwappen?

Ein Blick auf die elektronische Abfahrtstafel verrät außerdem, dass hier nicht gerade zugtechnischer Hochbetrieb herrscht. Ich stürme ausnahmsweise auch nicht erst zweieinhalb Minuten vor Abfahrt in das Bahnhofsgebäude (so mache ich das zu Hause nämlich immer), sondern habe noch 45 Minuten Zeit. Abfahrt ist erst um 9:30. Gegen 9:00 tuckert aber schon ein Zug ans Gleis. Ist das etwas schon mein Zug? Yes, it is. Offenbar sind in Finnland die Zeitpläne etwas großzügiger getaktet.

Während einige Passagiere schon einsteigen, bewundere ich lieber noch die Zugbemalung. Die grün-weißen Züge der finnischen Bahn sind mit wunderschönen finnischen Naturmotiven gestaltet. An meinem Abteil prangt ein Bär, der mit seiner Pranke einen Fisch aus dem See holt. Hach! Von anderen Wagen glotzen Eulen oder es fliegen Wildgänse. Ich mag diese Liebe fürs Detail.

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Schöne Zugbemalung
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Vorfreude auf Oulu

10 Minuten vor Abfahrt suche ich schließlich auch meinen Sitzplatz auf. Bei der finnischen Bahn ist es nämlich so, dass man automatisch einen Sitzplatz mitreserviert. Ungeheuer praktisch!

Der Zug ist supersauber, es gibt viel Beinfreiraum, für jeden Platz eine eigene Steckdose und gratis WiFi. Klasse! Allerdings ist das WiFi echt lahm, bis es irgendwann auf halber Strecke komplett den Geist aufgibt. Bald merke ich auch, dass die Sitze nicht so wirklich das Wahre sind – ganz schön hart irgendwie. Die ganze Einrichtung des Zuges ist zugegebenerweise eher funktional statt komfortabel. Mit anderen Worten: So ein deutscher ICE neueren Baujahrs hat schon irgendwie ein gediegeneres Ambiente. Aber war soll’s, ich beschwere mich hier auf sehr hohem Niveau.

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Finnisches ICE-Pendant: Saubere Funktionalität

Da ich meinen Proviant in Helsinki vergessen habe, begebe ich mich irgendwann ganz dekadent ins Bordrestaurant und kaufe ein trockenes Roggenbrötchen für verdammt teure 4,20 EUR. Aber immerhin ist der Kellner/Verkäufer nett. Ich will mich ganz finnisch fühlen und verspeise das Brötchen direkt im Restaurantwagen. So machen das hier im Zug fast alle. In meinem Wagen isst jedenfalls keiner. Kein Wunder, dass es so sauber ist.

Nach ein paar Stunden wird mir aber doch langweilig. Aus dem Zugfenster sehe ich seit Stunden nur Wald, ab und zu mal ein Feld und ein paar zerstreute Häuser. Es kommt mir vor, als ob der Zug fast ständig nur 50 fährt. Oder täuscht es nur? Jedenfalls, pünktlich um 16:05 heißt es „saavumme Ouluun“: der Wald weicht funktionalen 60er-Jahre Plattenbauten und einem grauen Bahnsteig. Angekommen. Ich bin in Oulu. Endlich.

Onnibus: Oulu-Helsinki, 8,5 h

Sonntag, 8:45, Oulu Busbahnhof. Die Sonne scheint, keine Wolke zeigt sich am Himmel. Der Onnibus wartet bereits. Als ich mich nähere, begrüßt mich ein Onnibusmitarbeiter (oder ist es der zweite Busfahrer?), kontrolliert meine Buchungsbestätigung, nimmt mir die Tasche ab und der Busfahrer gibt mir die Hand. Beide wirken freundlich und entspannt. Für mich ist das die erste Linien-Fernbusfahrt überhaupt und deshalb bin ich ganz besonders gespannt.

Im Bus herrscht freie Sitzplatzwahl. Sobald ich mich niedergelassen habe, merke ich, dass es hier im Gegensatz zum Zug keine Beinfreiheit gibt. Es ist eng, anders kann man es nicht ausdrücken. Dabei bin ich mit meinen 170 cm nun wirklich nicht überdurchschnitlich groß.

Nach einiger Verwirrung finde ich (zugegebenermaßen erleichtert) immerhin die Steckdose, die sich unter jedem Sitz verbirgt. Ein kurzer Test zeigt, dass das Wifi hier deutlich besser funktioniert als im Zug.

Die ersten 4 Stunden verfliegen recht schnell. Es gibt so gut wie überhaupt keinen Verkehr auf den gut ausgebauten Landstraßen und die Strecke ist eindeutig schöner als die Bahnstrecke. Besonders zwischen Viitasaari und Jyväskylä hat man einfach grandiose Seenaussichten. Da das perfekteste des perfektesten finnischen Sommerwetters herrscht, sieht alles gleich nochmal so schön aus. Die finnischen Frauen hinter mir (= harmlose Variante von deutschen Kegelklubb-Damen) sagen ehrführchtig „Onpa kaunista!“ („Wie schön es doch ist“) und ich denke mir: wie recht sie doch haben!

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Schnappschüsse aus dem Busfenster gelingen mir nie, aber die Busstrecke ist jedenfalls viel schöner als die Zugstrecke.

Ich wundere mich allerdings, dass wir bislang noch keine Pause gemacht haben. Als wir einen schön gelegenen großen Rasthof anfahren, dürfen wir nicht aussteigen, sondern der Busfahrer leert nur kurz das Schmutzwasser und weiter geht’s. Auf der ganzen Strecke sollte es wirklich keine einzige Pinkelpause geben. Da beibt einem nichts anderes übrig, als das Bus-WC aufzusuchen. Und das ist mini, genauer gesagt miniminimini. Das Berühren von gewissen naturgemäß wenig hygienischen Gegenständen mit der Kleidung ist trotz BMI von 17 unvermeidlich… die Toilettenbürste steht einladend direkt IM Eingang (wo auch sonst? *röchel*). Alles in allem empfiehlt es sich, den Aufenthalt hier möglichst auf ein Minimum zu beschränken.

Ab Jyväskylä, wo der Busfahrer wechselt, wird die Fahrt langsam ein wenig lang. Der Sitz erscheint auf einmal noch enger und im Bus ist es auch inzwischen so voll geworden, das kaum noch ein Sitzplatz frei ist. Man merkt, dass wir in die „Zivilisation“ zurückkommen. Langsam aber stetig nimmt der Verkehr zu, irgendwann beginnt die Autobahn. Und ab Lahti stehen wir im Stau. Es ist Sommer und Sonntagnachmittag: die Finnen pilgern zurück von ihren Sommerhäusern auf dem Land in ihre Hochhauswohnungen in Helsinki, Espoo und Vantaa. Das führt dazu, dass die Lahti-Autobahn an Sonntagnachmittagen regelmäßig verstopft ist. Unser Stau löst sich dann aber doch verhältnismäßig schnell wieder auf und wir erreichen Helsinki mit einer Verspätung von 30 Minuten. 8,5 Stunden für über 600 km auf Landstraße finde ich für einen Doppelstockerbus eigentlich recht sportlich, aber mir ist mittlerweile jede Minute zu viel und ich bin einfach nur froh, als wir in Helsinki am Fernverkehrsterminal aus dem Busgefängnis entlassen werden.

Mein Fazit:

Für ein paar Stunden finde ich so eine Onnibusfahrt völlig in Ordnung. Besonders wenn kein Verkehr herrscht, fährt so ein Bus erstaunlich ruhig und gleichmäßig. Ich konnte ohne Übelkeit lesen und erfreute ich einer schnellen Wifi-Verbindung. Die Landschaft war zeitweise sehr schön. Aber für eine solch lange Strecke wie Helsinki-Oulu finde ich doch die Bahn angenehmer. Zumindest war ich nach 6,5 Stunden Bahnfahrt noch richtig gut gelaunt, was man nach 8,5 Stunden Busfahrt nicht mehr behaupten konnte…

Was meint, Bahn oder Fernbus? In Deutschland bin ich immer noch nicht Fernbus gefahren, von daher kann ich gerade nur von Finnland sprechen 🙂 .

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