Blogparade: Authentisch reisen

Vor einiger Zeit hat Ulrike von Bambooblog zu einer Blogparade aufgerufen zum Thema

Authentizität auf Reisen: Was ist das eigentlich?

Eine interessante Frage, über die man sehr viel philosophieren kann. Bislang war das aber kein Thema, über das ich bewusst nachgedacht habe. Ich habe meine eigene Reisen meist ganz automatisch für authentisch gehalten, hatte das Gefühl einen guten Einblick von Land und Leuten zu bekommen.

Doch warum habe ich das eigentlich so empfunden…? Da fallen mir gleich mehrere Erklärungsansätze ein.

  • Ich reise hauptsächlich in Länder, deren Landessprache ich beherrsche oder von der ich zumindest Buchstücke verstehe. Es reizt mich ehrlich gesagt nicht sonderlich, Länder zu bereisen, in denen ich Englisch als Lingua franca benutzen muss. Die Sprache ist für mich nämlich der Schlüssel zur Kultur. Ohne die Sprache zu verstehen, versteht man nicht richtig, wie die Menschen denken, wie sie „ticken“. In jeder Sprache denkt man nämlich anders. Und das lässt sich meist nicht einfach so ins Englische übersetzen. Glücklicherweise bin ich recht sprachbegabt und empfinde auch keine Scheu, fremde Sprachen zu sprechen. Sobald ich ein bisschen von der Sprache kann, ist es für mich Ehrensache im Land nur auf Landessprache zu kommunizieren. Alles anderes ist schließlich nicht authentisch ;)!
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Sprachverständnis – der Schlüssel zur Kultur (?)
  • Ich bin fast nur in Nordeuropa unterwegs, also in sicheren, wohlhabenden Ländern. Meine wohlhabende Welt – das ist auch die Welt der Normalbevölkerung in diesen Ländern. Ich muss nicht das Gefühl haben, unauthentisch zu sein, wenn ich in einer sauberen, sicheren Unterkunft mit eigener Du/WC und Stromanschluss übernachte. Ich kann mir ganz normal im Supermarkt etwas zu essen kaufen, in einladenden Restaurants speisen – so machen es die Einheimischen ja auch! In sog. Entwicklungsländern wäre ich hingegen in einem ständigen Konflikt. Eine Stimme in mir würde sicherlich  sagen: „Nimm dir eine ‚authentische‘ Unterkunft (= möglichst günstig, primitiv, dreckig)“, „Ess an den ‚authentischen‘ Garküchen“, „Schau dir die ‚authentischen‘ Slums an“, während eine andere Stimme in mir sagen würde „Nein, ich kann und will nicht ohne saubere Toilette“, „Nein, ich will mir im Urlaub nicht den Magen verderben“, „Nein, das ist mir viel zu unsicher, ich will doch nicht überfallen werden!“. Wenn ich so recht drüber nachdenke, ist dieser Konflikt (bei dem gewiss auch eine Menge Vorurteile mit im Spiel sind) sicherlich einer der Gründe, warum ich mich aus meinem europäischen Hafen bislang noch nicht rausbewegt habe.
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Mein Reisestandard = Landesstandard = authentisch?

Oft bin ich gar nicht „nur“ als Tourist unterwegs – oder bilde mir ein, es nicht zu sein. In Dänemark habe ich mal gearbeitet, in Schweden studiert… wenn ich wieder dorthin komme, wiege ich mich in dem Glauben, eigentlich ja nur ein „altes zu Hause“ wieder zu besuchen. Zumindest Dänemark ist mir auch nach 5 Jahren immer noch so herrlich vertraut. Und Finnland ist dank meiner deutsch-finnischen Beziehung ohnehin ein ganz eigenes Kapitel. Das ist gefühlt auch nicht richtig Ausland. Als ich vor 10 Jahren auf Island war, habe ich einen Monat als Sommeraushilfe (Putzfrau) auf einer Touristenfarm gearbeitet – ihr seht schon, ich lasse mir allerhand einfallen, um mich nicht wie ein „unauthentischer Tourist“ zu fühlen ;)!

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Kein richtiger Tourist = authentisch?

Meine obigen Ausführungen zeigen mir deutlich, dass mein Unterbewusstsein sich offensichtlich doch schon recht intensiv mit dem Thema Authenzität auf Reisen beschäftigt hat – und dass ich viel Wert auf authentisches Reisen lege, was für mich bedeutet: möglichst gar nicht direkt als Tourist erkenntlich sein, die Landessprache sprechen und einen (Reise-)Lebensstandard pflegen, der nicht wesentlich vom Durchschnittslandesstandard abweicht.

Aber was ist ein authentisches Reiseziel? Auch davon habe ich unterbewusst offenbar eine gewisse Vorstellung und das erklärt auch, warum mir bestimmte Ziele nicht so recht zusagen. Zum Beispiel hege ich eine langjährige mehr oder weniger subtile Abneigung gegen die bei anderen Reisenden so beliebte Altstadt von Tallinn, Estland. Ich finde das historische Zentrum von Tallinn nämlich einfach nicht authentisch! Die Altstadt sieht aus wie eine historische deutsche Stadt, ist voll von Souvenirshops, kitschigen Mittelalterrestaurants, mittelalterlich verkleideten Touristenguides und natürlich – Touristen! Schrecklich. Da sind mir die grauen Plattenbauten in den Vororten viel lieber. Hier wohnen viele Einheimische, hier muss es also authentisch sein, oder? Ich gebe zu, die Logik hinkt ein wenig. Die sowjetischen Plattenbauten sind genauso authentisch oder wenig authentisch wie die Altstadt, die *natürlich* wie eine historische deutsche Stadt aussieht – schließlich war Tallinn ja eine Hansestadt mit deutscher Oberschicht und gehörte zeitweise zum deutschen Orden! Auf meiner ersten Tallinnreise im Jahr 2009 musste ich zum Abschluss unbedingt die größte Plattenbausiedlung besichtigen für wenigstens ein „bisschen Authenzität“. Und war insgeheim enttäuscht, dass die Gegend alles in allem doch recht normal wirkte. Wie gesagt: die Logik hinkt durchaus. Was ist eigentlich typisch Tallinn? Ist es die deutsch geprägte Alstadt, sind es die Sowjetbauten oder sind es die unscheibaren, aber netten Einfamilienhäuser mit den großen Gärten, die so ruhig mitten in der Stadt liegen, dass man das Gefühl hat, auf dem Land zu sein? Oder ist es die Mischung, die zeigt, dass Estland in seiner Geschichte so sehr von fremden Mächten geprägt und beherrscht wurde? Ja, die Frage nach „Authenzität“ wirft in der Tat Fragen auf…

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Was ist bitte das authentische Tallinn?

Eine Frage ist auch: Warum sind wir überhaupt auf der Suche nach „dem Authentischen“? Ich glaube, es ist die Globalisierung, die Vereinheitlichung der Welt. Wer will schon immer den gleichen Einheitsbrei? Suchen wir Reisenden nicht alle nach Abwechlung? Wir wollen doch schließlich neue Eindrücke sammeln, raus aus dem Trott, spannende Geschichten erzählen können – das ist doch die Motivation für die meisten Reisen! Tja und wenn wir dann am anderen Ende der Welt feststellen, dass vieles ja gar nicht (mehr) so viel anders ist als zu Hause, ist das wahrscheinlich ziemlich ernüchternd und wir machen uns auf die Suche nach wahlweise dem Ursprünglichen, dem Anderen, dem Exotischen, dem „Authentischen“…

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5 Gedanken zu “Blogparade: Authentisch reisen

  1. […] Auch von Heike vom Blog Nordetrotter kommen weitere Fragen: „Warum sind wir überhaupt auf der Suche nach „dem Authentischen“?“ Ihr Schwerpunkt sind die Skandinavischen Länder. In den skandinavischen Ländern hat sie jeweils einige Zeit gelebt. Sie spricht die Sprachen und hofft, dass sie so als Einheimische durchgeht. Zu ihrem interessanten Artikel geht es hier: Authentisch reisen […]

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  2. Der Punkt mit der Sprache ist ein guter. Auch ich reise, wo ich mal so drüber nachdenke, nicht gerne wohin, wo ich der Landessprache kein Wort mächtig bin. Und wenn man so auf der Suche nach Authentizität ist, ist es ja eigentlich auch nur richtig, die Sprache (wenigstens ein bisschen) zu sprechen, oder?

    Deinem letzten Absatz stimme ich auch zu. Mir geht es jedenfalls so. Wenn man nach ewiger Anreise an einen Ort kommt, der genauso ist wie zu Hause, dann hätte man sich die Reise ja gleich sparen können. Für mich muss der Zielort dann zwar nicht unbedingt exotisch sein, aber schon „anders“, wie auch immer man das jetzt definieren mag 😉

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    • Ja, genau, exotisch muss es für mich persönlich auch nicht unbedingt sein, aber in irgendeiner Hinsicht anders als zu Hause. Bei Fernreisen sind die Erwartungen sicher besonders hoch… ich glaube, wenn jemand aus Deutschland nach Holland reist, ist er weniger stark auf der Suche nach (vermeintlicher) „Authenzität“ als wenn er z.B. nach China reist 😀 .

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