Lappland im Winter. Über den Tourismus, – 30°C und das Eisloch

Vor ein paar Tagen war ich nach gut zwei Jahren wieder mit meinen Kollegen in Lappland. Schnee, Winter, Arktis, rosafarbener Himmel, Sauna, Eisloch, Husky, Motorschlitten… das ganze Repertoire. Mit den Kollegen unterwegs zu sein bedeutet immer unglaublich viel Programm in eine unglaublich kurze Zeit zu stopfen. Es ist zum Umfallen anstrengend, aber die gute Stimmung wiegt das meist wieder auf. Dieses Mal wollte sich jedoch der Nachtschlaf bei mir nicht einfinden. Tagsüber war ich so übermüdet, dass ich die Reise leider nicht richtig genießen konnte. Schade. Wir waren nämlich an allen Orten nur so kurz, dass ich sie gerne wenigstens mit allen Sinnen genossen und erlebt hätte anstatt mich nachts stundenlang in den Laken zu wälzen und am nächsten Morgen trotzdem zu spät zum Frühstück zu erscheinen, während die anderen schon ihre erste Erkundungstour hinter sich hatten.

Trotzdem möchte ich einige Gedanken und Erlebnisse hier teilen, denn Lappland im Winter ist für mich bislang immer eine Extremerfahrung gewesen, ein unvergessliches Erlebnis, das durchaus auch zwiespältige Gefühle in mir auslöst.

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Hauptstraße
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Winterwonderland
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Die Sonne, die erst vor wenigen Stunden über den Horizont geklettert ist, sinkt schon wieder. Es ist Mittagszeit.

 Zumindest der finnische Teil von Lappland ist sehr touristisch. Natürlich gibt es Wildnis (fast) ohne Ende, aber das wenige an Zivilisation, das es gibt, ist sehr auf den Tourimus ausgerichtet. So ganz mein Ding ist das nicht. Ich möchte lieber den lappländischen Alltag kennenlernen.

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Luostotunturi-Hotel
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Ferienzentrum Torrassieppi

Aber was ist in Lappland Alltag? Sehr viele Menschen bestreiten dort ihren Alltag mit dem Tourismus, leben vom Tourismus, wären ohne den Tourismus schon weggezogen. Von der Rentierzucht allein kann man heute leider nicht mehr leben. Wahrscheinlich muss man die samische Kultur vermarkten, damit sie überhaupt überlebt. Und wahrscheinlich muss man die ganze Palette an Safaris anbieten, um überhaupt jemanden in diese entlegene Region zu locken.

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Allgegenwärtig: der Motorschlitten. Er übt auf Männer häufig eine seltsame Anziehungskraft aus.

Welcher Meinung man auch immer über den Lapplandtourismus ist – im Moment scheint es zu laufen. Bei den Mitteleuropäern liegt Lappland voll im Trend. Alle wollen Nordlichter sehen, Huskyschlitten fahren, mit dem Motorschlitten über den See düsen, Extremtemperaturen spüren, die vermeintlich finstere Kaamos-Zeit  erleben. Es ist wohl die Exotik, die lockt… einmal das alles erleben! Ich kann das zum Teil schon verstehen. Aber es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass viele sich dafür nur maximal 4-5 Tage Zeit nehmen wollen.

Sind die Bedingungen zu extrem als dass man es dort länger als ein paar Tage aushalten möchte? Vielleicht. Temperaturen von unter -30°C sind für mich eine ganz besondere Erfahrung, die ich nicht missen möchte  – aber die ich so schnell auch nicht wieder brauche.  Diese Temperaturen sind so heftig und zeigen einem so deutlich, wie ausgeliefert man der Natur ist. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie die Menschen dort früher ohne die modernen zivilisatorischen Errungenschaften überlebt haben.

Auf dieser Reise war es zu Anfang recht „mild“, aber nach einem Tag sackten die Temperaturen auf einmal in den Keller bis zu meinem persönlichen Rekord von -36°C.

Bei unserer ersten Tour im Winter 2013/2014 hatten wir Temperaturen bis zu -29°C. Damals hatte ich mehr gefroren als je zuvor in meinem Leben. Man sagt zwar immer, dass im Norden die Kälte trocken ist, dass man sie nicht so spürt wie die feuchte Kälte in Mitteleuropa usw. usf….  Aber ab -20°C bzw. dem Punkt, wo die Haare instant in der Nase gefrieren, ist es einfach nur unbeschreiblich kalt, egal ob trocken oder nicht. Und wer empfindlich ist, der friert nicht nur, sondern leidet auch unter der trockenen Luft, die den Schleimhäuten ganz schön zusetzen kann.

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Der Tornionjoki bildet die natürliche Grenze zwischen Schweden und Finnland.
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Bei den tiefen Temperaturen sind die Scheiben im Fond auch immer von Innen gefroren.

Aufgrund der beschriebenen Erfahrung bekam ich es wirklich ein bisschen mit der Angst zu tun, als man uns während dieser Tour offenbarte, dass es an dem Ort, an dem unsere nächtliche Huskysafari in gut einer Stunde starten sollte, schon -32°C sei und die gefühlte Temperatur auf dem See -40°C betragen könne. Gottseidank bekamen wir warme Thermo-Kleidung gestellt, unter der ich dann nochmal 3 Lagen Hosen und  5 Lagen Oberteile trug. So konnte ich zwar nur noch beschwerlich laufen, aber habe zu meiner Überraschung wirklich nicht mehr gefroren. Wobei das Kälteempfinden bei den tiefen Temperaturen meiner Erfahrung nach extrem vom Körpergewicht/Körperfett abhängt. Als „Hungerhaken“ mit einem BMI von 17 habe ich da natürlich immer ganz schlechte Karten, während meine beleibten Kollegen zum Teil auch noch bei -30°C ohne Mütze und Handschuhe problemlos in der Kälte warten können. Ja, in der Kälte hat es durchaus so seine Vorteile, ein paar Kilos mehr auf den Rippen zu tragen.

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Tiefstpunkt.
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-31°C und Radio Nova – here we go

Trotz allem bin ich – zu meiner eigenen Überraschung – in derselben Nacht sogar noch ins Eisloch gestiegen. Obwohl ich ein müdes Wrack war und der Meinung bin, dass man solche extremen Dinge nur dann tun soll, wenn man sich gut fühlt. Nach 5 oder 6 Saunagängen fühlte ich mich aber plötzlich gar nicht mehr so müde und nachdem ich mich zu dem Zeitpunkt auch schon erfolgreich in den Schnee geschmissen hatte, was sich angeblich schlimmer anfühlen sollte als das Eisloch, konnte ich dem Eisloch nicht mehr widerstehen. Die Neugier siegte. Da die Umgebung des Eislochs erschreckend rutschig war und meine Finger an der Leiter festfroren, beschloss ich allerdings nur bis zum Bauch reinzugehen – zumal ich ja wie gesagt in einem desolaten Zustand war und es nicht übertreiben wollte. Aber bis zum Bauch war ich drin. Und es stimmt: Das Eisloch ist gar nicht besonders schlimm. Je kälter es draußen ist, desto wärmer ist im Verhältnis das Wasser im Eisloch. Nachdem man halbnackt durch -33°C gerannt ist, fühlen sich 0°C Wassertemperatur nicht mehr kalt an. Jedenfalls finde ich eine richtig kalte Dusche nach der Sauna bei mitteleuropäischer Umgebungstemperatur deutlich unangenehmer als das Eisloch.

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Das Eisloch

Wie jemand ohne Sauna im Eiswasser schwimmen kann – wie uns erzählt wurde ein Hobby so mancher Lappländer – bleibt mir trotzdem ein Rätsel. Aber wahrscheinlich tut der Extremsport schon in irgendeiner Art und Weise gut. Jedenfalls machten die Menschen in Lappland auf mich generell einen jung gebliebenen, sehr fitten Eindruck.

Fit fühle ich mich mittlerweile übrigens auch wieder. Aber erst nachdem ich nach meiner Ankunft zu Hause 11 Stunden wie ein Stein geschlafen habe…

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Meine neue Freundin ❤ Venla ❤ trägt eine Warneste, damit mit man sie auch im Schnee erkennt.
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Venla am Ounasjoki
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Meltaus
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Ach, Lappland…

Wart ihr schon einmal im Winter in Lappland? Hat es euch gefallen bzw. könntet ihr euch vorstellen dort Urlaub zu machen?

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9 Gedanken zu “Lappland im Winter. Über den Tourismus, – 30°C und das Eisloch

  1. eines tages will ich das gern mal erleben. es muss schon eine besondere erfahrung sein. aber fürs erste hat mir irland im winter gereicht im mir körperlich ganz schön zuzusetzen. übrigens ist das mit dem gewicht halt auch so mittelrichtig, weil es auch von der person selbst abhängt. ich hab einen (deutlich ^.^) höheren BMI als du und wenn ich mich zB länger nicht bewege (beim sitzen im Büro, oÄ.) wird mir auch bei angenehm warmen temperaturen extrem schnell wirklich kalt.

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  2. Ach ja, das Eisloch… Ich mag kaltes Wasser nicht, im Sommer brauche ich immer eine halbe Ewigkeit, bis ich zwischen den Saunagängen im See bin. Aber im Winter… völlig andere Geschichte wenn ich ein Eisloch vor mir habe! Wichtig ist die richtige Ausrüstung, früher hat man Wollsocken angezogen, damit man nicht am Boden festklebt (dafür klebten die Socken fest), dieses Jahr habe ich Crocks dafür extrem hilfreich gefunden. Dann noch Handschuhe, falls eine Metallleiter (wie bei uns im Häusle) zur Verfügung steht (sonst kleben wirklich auch bei tiefen Temperaturen die Finger fest) und bei kaltem Wind finde ich eine Mütze wichtig, besonders wenn die Haare nass sind.

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    • Ja, stimmt, im Sommer brauche ich auch ewig, um in den See zu kommen – deshalb war ich wirklich überrascht, wie „leicht“ das ging mit dem Eisloch.

      Uns wurde auch empfohlen, die Wollsocken im Eisloch anzubehalten, aber das hat dann doch keiner gemacht wegen der Befürchtung hinterher festzukleben.

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  3. Mutig, mutig! Ich würde das auch gerne mal alles erleben: Lappland, Nordlichter, Schlitten… Nur Sauna und Eisloch, damit kann ich mich null anfreunden. War in grauer Vorzeit mal in SF, und schon dsmals habe ich mich diesen Aktivitäten verweigert 🙂

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