Ach, Saaremaa…!

Der schöne Sommer ist fast vorbei… nach fast 5 Wochen mit R. in Finnland bin ich zurück in der Heimat und versuche wieder in den Alltag und die Arbeitsroutine zu finden. Es fällt mir nicht ganz leicht…! Mit einem wehmütigen Seufzer denke ich an die vielen schönen Erlebnisse, zum Beispiel an unseren spontanen Trip auf die estnische Insel Saaremaa…

Warum Saaremaa?
Eigentlich war es überhaupt nicht geplant gewesen, dass wir diesen Sommer finnischen Boden verlassen. Im Sommerhaus gibt es Arbeit für Jahre und auch sonst stand genug anderes auf dem Programm. Allerdings kommen die Dinge manchmal anders als man denkt. Diesmal war eine kleine unschuldige DVD aus der Stadtbibliothek Mikkeli schuld. Sie trug den Titel „Georg Ots – Rakkaani“ und sprach mich zunächst wenig an. Trotzdem wanderte sie mit ins Sommerhaus und an einem regnerischen Abend ließen wir uns die Lebensgeschichte des estnischen Sängers Georg Ots, eines der großen Stars der Sowjetunion erzählen. Als gegen Ende des Films seine Interpretation des berühmten Saaremaa-Valss (Saaremaa-Walzer), ertönte, war es um mich geschehen: Ich wollte nach Saaremaa. Am liebsten jetzt und sofort. Gelegenheiten muss man ausnutzen und da Saaremaa schon seit Jahren ein Traumziel von R. war, fiel es nicht allzu schwer, Nägel mit Köpfen zu machen.

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Helsinki-Tallinn-Virtsu-Muhu-Saaremaa
So befanden wir uns eines sonnigen Morgens ein paar Wochen später wieder mal auf der Fähre von Helsinki nach Tallinn. Die Überfahrt mit der „Finlandia“ von Eckeröline dauerte nur gute 2,5 Stunden. Nachdem wir aus dem Bauch des Schiffes entlassen wurden, versuchten wir das Großstadtgewirrwar schnell hinter uns zu lassen. Schließlich hatten wir noch 230 km Fahrt vor uns und wollen am selben Tag noch etwas von Saaremaa sehen. Immerhin ist die Insel ungefähr so groß wie Luxemburg und wir würden nur zwei Nächte dort verbringen…

DSC_1640Ankunft in Tallinn

DSC_1642Back in Estonia!

Die Strecke zwischen Tallinn und Virtsu, von wo aus eine Fähre zur Insel Muhu übersetzt, zog sich. Baustelle reihte sich an Baustelle. Die Landschaft ist recht einförmig. Aber hey, wir sind wieder in Estland und die Sonne scheint von einem fast wolkenlosen Himmel! In Virtsu hatten wir Glück: wir kauften unser Ticket und konnten direkt ohne Wartezeit auf die Fähre fahren, die 5 Minuten später ablegte. An Bord tummelten sich auch einige deutsche Touristen, was mich ziemlich erstaunte, denn die estnischen Inseln sind ja schon eine ziemlich abgelegene Destination. Neben uns an Deck saß eine deutsche Familie. Ich war mir recht sicher, dass die Mutter Lehrerin ist (sorry, ihr lehrenden Leser 😉 ). Der Teenienachwuchs war vom Bildungsurlaub im Baltikum augenscheinlich wenig begeistert:

„Kinder, wollt ihr, bevor wir ins Hotel fahren, noch ins Museum?“ => NEIN!!!!“

„Aber vielleicht gibt es ja dort Kuchen…?!“ => MAMA, auch wenn es Kuchen gibt, wollen wir NICHT ins Museum!“

Eine halbe Stunde später waren wir auch schon auf Muhu. Muhu ist die drittgrößte estnische Insel und über einen Damm mit Saaremaa, der größten estnischen Insel, verbunden.

Erster Eindruck
Der Saaremaadamm ist überraschend unspektakulär. Sollten wir wirklich schon da sein? Oh ja. Aber unser Endziel war Kuressare und bis dahin waren es noch gute 60 km… rechts und links der Straße sahen wir Wälder, Heuwiesen, Wälder, Heuwiesen, ein paar Felder, Wälder, Wälder, Wälder.

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Kuressaare heißt auf Deutsch übrigens „Arensburg“ (und Saaremaa „Ösel“). Es ist die Hauptstadt von Saaremaa und hat gut 15.000 Einwohner. Wir hatten über booking.com mitten im Zentrum ein nettes Appartment gemietet. Kuressaare selbst ist ruhig, das hübsche Zentrum beschaulich und zu Fuß schnell erkundet. Für mich hielt die Stadt jedoch keine großen Überraschungen bereit, denn wir waren im vorigen Jahr bereits im estnischen Strandurlaubsmekka Pärnu, das mich sehr stark an Kuressaare erinnerte.

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Direkt am Strand gibt es eine große Burganlage, wohl eine der am besten erhaltenen Festungen im ganzen Baltikum und seinerzeit gegründet von Mitgliedern des Deutschen Ordnens. Wir sparten uns diesmal jedoch die Besichtigung und stärkten uns lieber in einem der (mittelmäßigen, aber toll eingerichteten) lokalen Pizzarestaurants, um mit neuer Energie getankt die Natursehenswürdigkeiten der Insel erkunden zu können. Saaremaa war zu Sowjetzeiten militärisches Sperrgebiet. Demzufolge entwickelte sich keine richtige Industrie und das hat sich bis heute kaum geändert. Kein Wunder, dass die Natur profitierte.

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Unser Plan: am Abend einfach mal an einen schönen Strand zu fahren. Hätten wir es mal besser gewusst! „Einfach mal so an den Strand“ ist auf Saaremaa nicht. Die einsamen, waldigen Straßen endeten alle an irgendeinem Privatweg oder einer Sackgasse, aber niemals an einem jener schönen Strände, für die Saaremaa eigentlich bekannt ist… es wurde dunkel und wir mussten – zugegeberweise etwas enttäuscht – unsere Erkundungstour auf den folgenden Tag verschieben.

Liebe auf den zweiten Blick
Glücklicherweise hatten wir auch am zweiten Tag wieder perfektes Wetter: Sonne, 22°C, wenig Wind. Nachdem wir am Vorabend den Lonely Planet gewälzt, die lokale Tourismusbroschüre durchforstet und unsere Gedanken sortiert hatten, fühlten wir uns nun gut gewappnet und hatten einige ganz konkrete Ziele vor Augen.

Das zahlte sich aus. Jetzt, wo wir nicht mehr ganz so planlos unterwegs waren, zeigte sich Saaremaa von seiner besten Seite. Den ganzen Tag waren wir unterwegs auf den staubigen Sandstraßen, gingen spazieren, atmeten Kiefernnadelduft und Ostseeluft, entdeckten tolle Orte und waren am Abend voller Wehmut, dass wir nur so kurz hier sein würden. Wir sind uns einig, dass wir auf jeden Fall wiederkommen müssen. Neben allen ungesehenen Dingen, gibt es so vieles, dass nochmal in aller Ruhe genossen und erkundet werden will.

Da wären zum Beispiel…

Tuhkanna ranna – der Strand von Tuhkana
Der Strand von Tuhkana ist nicht ganz leicht zu finden… aber zum Glück erklärt der Lonely Planet den Weg zu diesem Juwel. Nach 10 km auf schmalem Waldweg mag man kaum glauben, dass noch etwas kommt, doch irgendwann taucht ein hölzerner Wegweiser namens „Puhkekoht“ auf. Hier gilt es das Auto abzustellen und die letzten Meter dem Pfad zu folgen. Es lohnt sich!

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Die Klippen von Panga
Etwa 20 km westlich von Tuhkana erheben sich die Klippen von Panga etwa 30 Meter aus dem Meer. Leider haben wir keine Stelle gefunden, von der aus man die Klippen von unten betrachten kann. Dafür läuft es sich aber auf den Klippen umso schöner. Man könnte hier stundenlang durch die Kiefernwälder streifen, picknicken, Schmetterlinge und Vögel beobachten und den Blick auf die strahlendblaue Ostsee genießen.

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Kihelkonna – wie aus einer anderen Zeit
Der Ort Kihelkonna ist einer dieser herrlich idyllischen estnischen Dörfer (?), in denen die Zeit irgendwann einfach stehen geblieben ist. Ich liebe diese Ruhe, die bunten Gärten, die kleinen Holzhäuser und kann sogar den betagten Plattenbauten einen gewissen Charme nicht absprechen. Es gibt mindestens zwei Dorfläden und eine Art Café, das zwar geöffnet war, aber in dem sich kein Personal blicken ließ. Die Obst- und Gemüseauslage im Dorfladen bestand aus ein paar verfaulten Paprika, Weißkohl und Zwiebeln (offenbar geht es sogar noch spartanischer, wie man hier in Lenas Blog family4travel nachlesen kann). Für hungrige Touristen ist das unpraktisch, aber ein Blick in die umliegenden Gärten verrät, warum das hier so ist…

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Loona manor – unser Einkehrtipp
Direkt von Kihelkonna führt ein Schild zum Vilsandi Nationalparkzentrum, das sich auf dem Gelände des Loona Manor Gutshauses befindet. Hier rettete Saaremaa vor mir seine kulinarische Ehre. Als wir ankamen, war ich nämlich ausgehungert und frustriert ob der vermeintlich bescheidenen kulinarischen Möglichkeiten auf Saaremaa. Umso größer war die Überraschung, dass wir hier ein wunderbares (bis auf die Kräuterbutter sogar veganes) warmes Mahl für unschlagbare 4 EUR bekamen. Wir waren die einzigen Gäste. Es gab frisches, warmes Brot, selbstgemachte Kräuterbutter, Salat, Graupen“risotto“ mit Wurzelgemüse und gebratene Pfifferlinge. Alles einheimische Zutaten. Dazu kostenloses Wasser und einen Pflaumensaft für 1 EUR. Dazu muss man wohl nicht mehr sagen?

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Vilsandi Nationalpark
Direkt neben dem Loona manor befindet sich das Vilsandi Nationalparkinfozentrum. Die Dame dort sprach fließend Finnisch und versorgte uns unaufgefordert mit lauter spannenden Ausflugstips. Besonders vielversprechend klang der 5 km Abenteuerwanderpfad durch die Ostsee auf die Insel Vilsandi (das Wasser geht höchstens bis zur Brust). Das mussten wir uns ansehen! Leider hatte die Dame von der Info recht: Man kann man den Weg nur mit wassertauglichen Schuhen laufen, da der Untergrund uneben und steinig ist. Aber eine tolle Sache, die ich irgendwann nochmal ausprobieren möchte. Und nicht nur das… hier gibt es so viel zu entdecken: Wanderpfade, Kegelrobben, Vögel, Pflanzen…

DSC_1746.JPGDer Abenteuerwanderweg

Georg-Ots Spa Hotel
Es hatte bei mir alles mit Georg-Ots angefangen. Was stand also näher als den Saaremaa Kurzurlaub an der Bar des Georg-Ots Spa Hotels in Kuressaare ausklingen zu lassen? Was eher als Gag gedacht war, erwies sich als Volltreffer. Das Georg-Ots Hotel liegt in bester Meereslage in Kuressaare und der von Außen klobige Betonbau präsentiert sich von Innen als außergewöhnlich stilvolles und großzügiges Wellnesshotel. Ganz mondän lässt es sich hier zu erstaunlich vernünftigen Preisen am Kamin Cider schlürfen und ich bin mir sicher, nicht nur das!

DSC_1755_Ein Drink auf Georg Ots

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Wäre Saaremaa auch etwas für euch? Habt ihr schon von Saaremaa gehört?

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13 Gedanken zu “Ach, Saaremaa…!

  1. Ohhhh, Saaremaa! Mit deinen wunderschönen Fotos hast du echt die Wiederseh(e)nsucht bei mir geweckt! Wir waren auch viel zu kurz dort und würden gerne noch einmal hin. Die Insel ist einfach wunderschön!

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  2. Woah ist das schön da!
    Besonders der Ostseeabendteuerpfad ist spannend! 🙂 Wäre es nicht so ur-weit-weg, dann würde ich das glatt für nächstes Jar einplanen ^^

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    • Ja, Saaremaa ist echt traumhaft… so schön zum Wandern, Fahrradfahren, Baden, am Strand Reiten… und alles ist so ruhig und wie aus der „guten alten Zeit“. Aber die Anreise *seufz*… ich glaube, am schnellsten geht es, wenn man mit AirBaltic bis Riga fliegt und sich von dort einen Mietwagen nimmt. Ziemlich viele deutsche Touris, die wir gesehen hatten, waren auch mit lettischem Mietwagen unterwegs…

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  3. Hmm, vielleicht sollte ich mal nicht nach China. Aber wie kommt man mit Öffis nach Sarema? Na, mal sehen! Danke für den tollen Artikel und die bIlder, die Lust auf mehr machen
    Liebe grüße
    Ulrike

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    • Hallo Ulrike und danke für den Kommentar! Mit den Öffis kommt man schon nach Saaremaa, aber vor Ort wird es dann schwierig, wenn man nicht die ganze Zeit in Kuressaare sein will. Mir hat Saaremaa so gut gefallen, dass ich diesen Sommer wieder hinfahre zum Reiturlaub :)!
      Liebe Grüße,
      Heike

      EDIT: Um ganz konkret auf deine Frage zu antworten: Man fliegt nach Tallinn und fährt von dort mit dem Bus zum Fährhafen Virtsu (in Estland fährt man, so ich wie ich es verstanden habe, viel und günstig mit dem Bus) und setzt dann über nach Muhu). Wie es dort weitergeht, weiß ich nicht, aber einige Pensionen (z.B. die, wo wir diesen Sommer nächtigen werden) bieten an, dass sie ein gegen geringes Entgeld vom Hafen abholen.

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    • Hallo Stefanie, ja, Estland ist wirklich sehenswert! Ob Finnland oder Estland, hängt ein bisschen davon ab, was man sucht. Estland ist insgesamt ursprünglicher, die Städte und Dörfer finde ich gemütlicher. Landschaftlich wiederum finde ich, dass Finnland insgesamt mehr zu bieten hat (Seengebiet, Schärenmeer, Tundra).

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