Estland: Sonne, Sand und „V“

Im August waren wir (von Helsinki aus) für zwei Tage in Estland. Bis dato war ich zwar schon zwei Mal in Tallinn gewesen, aber nie „auf dem Land“. Irgendwie hat es mich auch nie interessiert. Ich fand Estland insgesamt ziemlich langweilig.

Und seien wir ganz ehrlich – landschaftlich gesehen ist es auch ein bisschen langweilig. Der Lonely Planet verpackt das Ganze in etwas kleidsamere Worte. Dort steht in etwa, dass es in Europa zwar Länder mit deutlich spektakuläreren Naturlandschaften gibt, aber Estland durch die geringe Bevölkerungsdichte und damit verbundene Ländlichkeit trotzdem einen eigenen Reiz ausübt. Das trifft den Nagel ziemlich auf den Kopf.

Wir waren zwar auch diesmal nur in Tallinn und Pärnu, aber wenn man von Tallinn nach Pärnu gefahren ist, hat man schon ein ganz schönes Stück von Estland durchquert.

Gleich auf der Hinfahrt nach Pärnu ist uns eins sofort aufgefallen: Diese Ruhe. Über das Baltikum grassieren ja einige Vorurteile (???), was die Verkehrskultur und -sicherheit angeht, aber in Estland braucht man sich keine großen Sorgen zu machen. Die Autos fuhren so entspannt und langsam und hielten richtig vorschriftsmäßig Sicherheitsabstand. Alleine schon der ruhige Verkehrsstil hat uns in Urlaubsstimmung versetzt. Und dazu noch Sonnenschein pur vom strahlend blauen Himmel!

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Pärnu ist die sogenannte Sommerhauptstadt Estlands, mit kilometerlangem Sandstrand und viel Badetourismus. Trotzdem verläuft sich alles doch ziemlich. Und trotz der vielen finnischen Gäste hat man am Strand fast nur Estnisch gehört.

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Das Schönste an der Stadt ist, wie ich finde, der herrliche Baumbestand. Fast überall hat man große beschattete Alleen, sodass es sich auch bei 32°C Außentemperatur gut aushalten ließ. Die Altstadt ist schön restauriert, aber auch in den vielen Nebenstraßen und Wohngebieten, die wir durchquert sind, sind wir eigentlich nur positiv überrascht worden. Alles wirkte sehr ruhig und teilweise richtig ländlich-idyllisch. Außerdem bin ich der Meinung, dass ein bisschen Verfall zum Charme dazugehört :). Völlig erstaunlich fand ich übrigens wie blitz-blank diese Stadt war.

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Weniger angenehm in Pärnu fand ich die (nicht existierende) Veganfreundlichkeit. Die Bedeutung des V-Wortes war selbst im zentral gelegenen Biorestaurant nicht geläufig, die beliebteste Pizzeria der Stadt überfrachtet ihre Pizzen mit Unmengen an fettigem Käse sowie Apothekermengen an Gemüse aus dem Glas und das einzige Café, das laut Internetrecherche auch vegane Köstlichkeiten im Angebot haben sollte, konnte mir nur einen recht teuren Salat sowie trockene Kekse anbieten (habe beides nicht genommen, denn mich lechzte es nach veganer Torte und üppigen Sandwiches).  In der Bäckerei hielt die Verkäuferin es nicht für nötig nachzuschlagen, welche Backwaren kein Ei enthalten (sie vermutete einfach, dass alles Ei enthält) und beim Hotelfrühstück gab es noch nicht einmal Margarine…

Fazit: Entweder man verpflegt sich selbst oder man muss bereit sein, Abstriche machen.

Als wir am folgenden Tag wieder zurück nach Tallinn gefahren sind, haben wir noch einen kleinen Abstecher von der Hauptstraße gemacht. Das hat sich gelohnt. Wald und Wiese soweit das Auge reicht, absolut kein Autoverkehr und überall niedliche Gehöfte mit großen Gemüsegärten und knorrigen Apfelbäumen. Irgendwann sind wir dann auch mal in einen richigen Ort gekommen, und zwar nach Märjamaa (ca. 3000 Einwohnern). Märjamaa wirkt wie ein verschlafenes Dorf aus der „guten alten Zeit“. Es gibt kaum Verkehr, Autos werden nicht abgeschlossen und überall sah man wieder diese schönen Gemüsegärten. Trotzdem gibt es in Märjamaa alles, was man zum täglichen Leben braucht, sogar einen DVD-Verleih und ein Angelzubehörgeschäft. Ich war begeistert.

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(Nein, wir sind nicht in Deutschland, sondern in Estland 🙂 )

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Sind diese Verkehrsverhältnisse nicht ein Traum?

DSC_0127Beautiful Märjamaa

DSC_0130Hier gefällt es mir…!

Später in Tallinn hatten wir dann richtiges Kontrastprogramm, als wir uns durch den  Großstadtdschungel auf der Suche nach einem Parkplatz schlugen. Baustellen und mangelnde Beschilderung machten es uns nicht gerade leicht – aber so haben wir auch Ecken von Tallinn gesehen, in die wir sonst nie gekommen wären. In Tallinn hatten wir erstmal nur ein Ziel: Das neue vegane Restaurant „V“. (siehe: https://www.facebook.com/veganrestoran). Ich hatte schon vor unserer Reise die Speisekarte studiert und träumte bereits seit Tagen vom „Kikerherneburger“ (Kichererbensburger) und sahnigen „Kreemimuffinid“ (Crememuffins)! Das Restaurant „V“ liegt direkt in der Altstadt neben dem Restaurant „Aed“, das auch sehr ökologisch orientiert ist und viele vegetarische und vegane Speisen anbietet (dort waren wir vor zwei Jahren und waren schwer begeistert*). Ich kann im Nachhinein nicht sagen, welches Restaurant besser ist, aber das Restaurant „V“ war absolute Spitzenklasse. Und das sage ich wirklich nicht immer. Nur weil ein Restaurant vegan ist, finde ich es noch lange nicht gut. Aber das „V“ ist WIRKLICH klasse. Das Preis-Leistungsverhältnis ist unschlagbar, die Speisen ein Gedicht, die Bedienung freundlich und die Gaststube sehr liebevoll eingerichtet.

DSC_0136Die Speisekarte im „V“

DSC_0141Vorspeise: Erbsen-Minzsuppe mit Rucola

DSC_0142Hauptspeise: Kichererbsenburger mit Ofengemüse und veganem Tsatziki

DSC_0143R bevorzugte die mit Linsen gefüllten Zuchhini auf Tofu-Brokkoli-Salat

Leider passte die ersehnte Sahnetorte bei unserem Besuch nicht mehr in meinen Bauch. Da ich jedoch schon den ganzen Urlaub davon geträumt hatte, bin ich abends nochmal wiedergekommen und habe mir ein Stück zum Mitnehmen einpacken lassen. Da standen bereits viele Gäste vor der Tür und mussten abgewiesen werden, weil es keine freien Tische mehr gab. Offenbar hat es sich schon rumgesprochen, dass es sich in Tallinn lohnt vegan zu essen!

DSC_0162Diese Torte hat schon einen langen Fußmarsch durch Tallinn hinter sich. Ansonsten ist sie jedoch fantastisch!

Bei goldenem Abendsonnenschein und Blaubeersahnetorte fand der Estlandkurztrip in Tallinn einen gelungenen Abschluss.

DSC_0147Schönes Tallinn

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* Update vom 26.08.2015: Wir waren diesen Sommer erneut im Aed und wurden leider enttäuscht. Das vegane Essen war sehr mittelmäßig und die Preise angesichts der kleinen Portionen deutlich höher als im „V“.

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3 Gedanken zu “Estland: Sonne, Sand und „V“

    • Hei! Ja, es stimmt, dass in Estland die großen Highlights fehlen. In den letzten Jahren habe ich mich nach anfänglicher Skepsis aber irgendwie trotzdem in das Land verliebt… in die Ruhe, ländliche Idylle und absolute Unaufgeregtheit.

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